die liebe der väter

Männer wollen heute mehr am Leben ihrer Kinder teilhaben. Aber viele suchen noch nach ihrer Rolle. Traditionelle Leitbilder gibt es nicht mehr

Er sagt, dass er weinte, als Edda kam. Als die Anspannung der vergangenen neun Monate von ihm abfiel, das Gewicht der Nächte, in denen er reglos dagelegen hatte, wie seine Frau, mit wachsenden Zwillingen im Bauch, sich kaum mehr rühren konnte, die Mühsal der Momente, in denen sie Atempausen brauchte und er in ihre Erschöpfung einfiel wie die zweite Stimme eines Kanons. Er habe geweint, nicht sehr, sagt er, nur ein paar Tränen. Bis seine Frau den schmerzsteifen Griff um seine Arme lockerte und eine Hebamme ihm das Kind entgegenstreckte, um sich dem anderen Zwilling im Mutterleib zu widmen, und er sein Baby ansah, sein Mädchen, es nicht an sich drückte, nur schaute und staunte. Und sich das Kind dann mit einem ersten Strahl auf ihm entleerte. »Auf mein Muhammed-Ali-T-Shirt, voll von oben bis unten«, sagt Robert Fass, 36. Mitte Januar 2008 werden die Zwillinge Edda und Lilly drei Jahre alt.

Robert sollte eigentlich Gabor heißen, aber sein Vater war damals schneller als seine Mutter beim Standesamt. Freunde nennen ihn Gobby. Wenige Monate nachdem er erfahren hatte, dass er Vater werden würde, wurde die Freundin seines Freundes Søren Bartlock schwanger – der Beginn einer Art natürlichen Vätergruppe. Fass und Bartlock, zwei Hessen in Hamburg, beide Tischler, fest angestellt der eine, der andere selbstständig, sind seit Jahren befreundet. Manou kam im Mai 2005 zur Welt.

Sie gehen immer noch zusammen aus, vielleicht etwas seltener. Sie sprechen immer noch über den FC St. Pauli. Aber die Gespräche enden um eine Uhrzeit, zu der sie früher begonnen hätten, meistens weit vor Mitternacht. Und manchmal geht es eben auch um Kinderwagen und wunde Popos. »Im Grunde«, sagt Gobby, »kann man sich diesen Austausch über Kinder während der ersten Jahre in die Haare schmieren, man kommt da nicht wirklich zu Lösungen, aber trotzdem ist es wichtig. Wen sonst kannst du damit nerven? Wer kann das überhaupt nachvollziehen? Dabei diskutieren wir eigentlich nicht über unsere Vaterschaft, sondern jeder erzählt einfach: seine Geschichte vom Windeln wechseln, seine Geschichte vom Füttern, darum gehts.«

Wir sitzen am Esstisch im Wohnzimmer, in Hamburg-St. Pauli, bei offener Tür, damit Søren seine Tochter hören kann, falls sie aufwacht und nach ihm ruft. Seine Freundin ist ausgegangen. Früher sei er oft nachts an Manous Bett getreten, wenn es still war, sagt er, nah, immer näher, bis er ihren Atem hören konnte und sich beruhigte. Auf dem Sofa liegt ein aufgeschlagenes Kinderbuch, in dem es darum geht, dass sich hinter vorgehaltenen Hufen und Pranken kichernde Giraffen, Schweine und Bären seitenlang verabreden, um am Ende gemeinsam ein Töpfchen zu benutzen. Søren sagt, dass er das Buch mag. Es muss Liebe sein.

Seit Jahren schon kreist in Deutschland eine gesellschaftliche Debatte um die Forderung, dass Väter sich mehr am Leben ihrer Kinder, an der Haus- und Erziehungsarbeit beteiligen sollen. Und seit beinahe ebenso vielen Jahren geben Väter in Umfragen mehrheitlich zur Auskunft: Sie wollen es auch. Zwischen Theorie und Praxis aber liegen Welten. Viele Väter arbeiten nach der Geburt ihrer Kinder mehr als je zuvor und verweisen – aus Überforderung, aus Unsicherheit, vielleicht auch aus Scham – auf die exklusiven mütterlichen Fähigkeiten der Frauen. In den Köpfen hat das Bild des allseits engagierten Vaters längst seinen festen Platz gefunden. Im Alltag dagegen bleiben solche Vätertypen Randerscheinungen.

Wie sieht er überhaupt aus, der moderne Vater? Wer sich im Jahr 2008 auf die Suche nach ihm macht, verliert sich im Plural, in einer Vielzahl der Entwürfe. Die ersten »neuen Väter«, die während der achtziger Jahre ihre Rolle bewusst als Gegenmodell zu ihren eigenen autoritären Vätern definierten, sich ihre Säuglinge vor die Brust banden, erste Väter-Bücher schrieben und ihrer Hilflosigkeit bei Geburtsvorbereitungskursen angesichts der Unterweisung in vaginale Atemtechnik Ausdruck verliehen – die »neuen Väter« von früher sind längst Großväter geworden. Ihre Söhne stehen heute vor einer riesigen Halde der Haltungen, Versatzstücken dessen, was Vaterschaft einmal war, sein sollte, sein könnte, nie geworden ist. Die Aufgabe, diese Puzzleteile zu einem neuen, eigenen Rollenverständnis zusammenzusetzen, empfinden die einen als Freiheit, die anderen als Zumutung, als weitere Variante des postmodernen Spiels der Möglichkeiten. Fest steht: Eindeutige Antworten gibt es nicht mehr. Vaterschaft im 21. Jahrhundert ist »Malen nach Zahlen« ohne Nummern.

»Es gibt keine guten Väter, das ist die Regel«, schrieb Jean-Paul Sartre 1964 in seiner Autobiografie Die Wörter . »Die Schuld daran soll man nicht den Menschen geben, sondern dem Band der Vaterschaft, das faul ist.« Im Christentum macht ein abwesender Gottvater den Anfang, gütig zwar, aber auch streng und von brutaler Sanktionsbereitschaft, allgegenwärtig, vermutlich, und doch nie fassbar, ein Auge im Triangel, das über den Dingen schwebt und zusieht. Der Sohn lebt und ruht, leidet und stirbt in den Armen seiner Mutter. Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

In den menschlichen Niederungen organisieren sich die Urgemeinschaften zunächst in matriarchalischen Strukturen. Die Väter schützen und verteidigen Familie und Sippe, bis der kriegerische Kampf sich zum männlich definierten Ritus verselbstständigt und die Obhut der Kinder in die Zuständigkeit der Mütter übergeht.

Der Beginn des Patriarchats ist auch der Beginn der väterlichen Abwesenheit. Bereits in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnten Anthropologen weltweit nur noch drei von achtzig Naturvölkern ausmachen, bei denen die Väter eine enge Beziehung zu ihren Säuglingen pflegten. Um zu studieren, wie es ist, wenn Männer mit ihren noch sprachlosen Kindern herumalbern, sie trösten und mit ihnen im Arm durch das Dorf spazieren, reisten die Forscher bis auf die Trobriand-Inseln im Osten von Papua-Neuguinea.

In der westlichen Welt entwickelt sich der Vater im 18. Jahrhundert zur Autoritätsperson innerhalb der häuslichen Produktionsgemeinschaft Familie, die keine Trennung zwischen Heim und Arbeitsplatz kennt. Ehefrau und Kinder sind dem väterlichen Willen unterworfen, der darüber entscheidet, was die Söhne lernen, wen die Töchter heiraten. Erst die industrielle Revolution führt zur Aufspaltung des Alltags in eine öffentliche und eine private Sphäre. Väter müssen ihr Heim verlassen, um ihre Familien zu ernähren, den Müttern bleiben Pflege, Fürsorge und die Bemühungen um die Regeneration der männlichen Arbeitskraft.

In dem Maße aber, in dem die Vaterrolle immer mehr über ihren materiellen Beitrag zum Familienerhalt definiert wird, wächst die Gefährdung der väterlichen Position, vor allem in der Arbeiterschicht: Verliert der Vater seine Stelle, verliert er damit auch seine Stellung im Familiengefüge. Der Alkoholkonsum verdoppelt sich im Laufe der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, man könnte sagen: folgerichtig. Väter brüllen, Väter prügeln, Väter verschwinden. Und die Gerichte gehen dazu über, nach Trennungen das Sorgerecht den Müttern zu übertragen.

Die Weltwirtschaftskrise bringt das gesamte gesellschaftliche Gefüge ins Wanken. Aus der Ohnmacht, die jetzt auch Bürgerväter erfahren, entsteht das Bedürfnis, die eigene Autorität wenigstens innerhalb der Familie zu verteidigen. Wo die tatsächliche Macht schwindet, nehmen gewalttätige Erziehungspraktiken zu – eine Entwicklung, die ihren Höhepunkt im Nationalsozialismus erreicht. Der NS-Staat macht den Machtverlust vermeintlich rückgängig, indem er ein gemeinsames Projekt formuliert, in dem jedem eine Funktion zugewiesen wird: den Müttern im Gebären, den Vätern innerhalb der NS-Institutionen. Durch die Identifikation mit dem Führer retten die Väter einen Teil ihrer verlorenen Großartigkeit.

Nach Kriegsende flüchten sich die gebrochenen Männer in Konformismus und Wirtschaftswunderkonsumismus. Es gilt, etwas zu schaffen, nicht abzuweichen. Als Väter versuchen sie, an tradierte Rollen anzuknüpfen, Disziplinierungsinstanz und Alleinernährer innerhalb der Kleinfamilie, erziehen autoritätsgläubige Persönlichkeiten, aber das Legitimationsmodell ist ihnen abhanden gekommen. Mütter haften für ihre Kinder. Sie machen das. Sie können das. Sie haben die Kinder neun Monate lang im Bauch getragen, sind also für Pflege und Fürsorge prädestiniert – eine Haltung, die 1968 und den antiautoritären Aufbruch zwar nicht gänzlich unbeschädigt überstanden hat, aber dennoch in einigen Köpfen weiterlebt, die manchmal einen Bart tragen, manchmal aber auch Eva heißen.

Manou schläft. Søren sagt, dass er sich von Anfang an darauf gefreut habe, Vater zu werden, dass er immer Kinder haben wollte. Als seine ältere Schwester ihren ersten Sohn zur Welt brachte und 40 Stunden lang in den Wehen lag, verbrachte Søren die 40 Stunden mit Freunden am Küchentisch, um seine bevorstehende Geburt als Onkel zu feiern. »Ich mag Kinder einfach gern und die Vorstellung, ein kleines Kind im Arm zu halten, das dann auch noch mein eigenes Baby ist. Nicht dass ich mir wirklich hätte vorstellen können, wie das ist, aber ich wusste irgendwie, dass es schön sein würde.« Er erzählt, wie er seine Schwester damals nach der Entbindung im Krankenhaus besuchte, sie am Tropf liegen sah, erschöpft und abgekämpft. »Aber sie hatte so einen Blick in den Augen, einen ganz besonderen Blick, den habe ich nie vergessen.«

Seine eigene Tochter kam mit einem Kaiserschnitt zur Welt. Hebammen reinigten den Säugling, überreichten ihm das gewaschene, in eine Decke gehüllte Bündel und führten ihn in einen Ruheraum, während seine Freundin im Operationssaal versorgt wurde. Man hieß ihn, sein T-Shirt auszuziehen. Dann legte man ihm sein Kind auf den bloßen Oberkörper. »Ich wusste vorher nicht, dass das so laufen würde – und es war unbeschreiblich, dieses winzige Wesen auf meinem nackten Bauch.« Zwanzig Minuten sei er mit ihr allein gewesen, so nah. Dass er anfing zu weinen, sagt er, und dass die Erinnerung an die Stunden und Tage danach zu einem Einzigen verschmelzen.

Sein Leben, wie es vorher war, hätte natürlich auch noch ein paar Jahre so weitergehen können, sagt der 37-Jährige. »Aber irgendwann hat man einfach seine Feste gefeiert, seine Reisen gemacht, man hat sich ausgetobt. Das kann man dann zwar auch immer weiter-, weiter- und weitermachen, aber als meine Freundin schwanger wurde, habe ich nicht eine Sekunde gedacht, dass ich in Zukunft etwas davon vermissen würde, als Vater.«

An der immensen Bedeutung, die Vätern im Leben ihrer Kinder zukommt, besteht längst kein Zweifel mehr, schon gar nicht in wissenschaftlicher Hinsicht. Eine Studie der Memorial University of Newfoundland hat festgestellt, dass auch bei werdenden Vätern in den Wochen vor der Geburt der Prolaktin-Spiegel um 20 Prozent steigt: das Hormon, das bei Frauen für die Milchbildung zuständig ist. Der Wert des als Männlichkeitshormon bekannten Testosteron dagegen sinkt bei Vätern nach der Geburt um etwa ein Drittel. Allerdings schaffen Hormone allein keine Fakten auf der Verhaltensebene. Man muss schon auch etwas daraus machen.

Sigmund Freud ging davon aus, dass Kinder bis zum vierten Lebensjahr ausschließlich zu sogenannten dyadischen Konstellationen – Paarbeziehungen zu einem einzigen Menschen, der Mutter nämlich – fähig sind. Im ödipalen Konflikt tritt dann der Vater auf den Plan, macht dem Jungen klar, dass er die Mutter nicht besitzen kann, bringt Ratio und Sprache und öffnet die Mutter-Kind-Dyade zur Mutter-Vater-Kind-Triade, einem Beziehungsdreieck. Bindungsforschung und entwicklungspsychologische Untersuchungen haben jedoch inzwischen erwiesen, dass Säuglinge schon im Alter von drei Monaten durchaus in der Lage sind, einen differenzierten Austausch mit beiden Eltern herzustellen.

Besonders wichtig wird der Dritte, wenn das Kind versucht, sich aus seiner ersten, engen Bindung, meist zur Mutter, zu lösen und nach Autonomie strebt. Er mildert die kindlichen Verlassenheitsängste, das Risiko der Abgrenzung. Die Perspektive eines Dritten erlaubt, sich selbst und die Welt aus einem weiteren Winkel wahrzunehmen, wie ein zweites Spiegelbild. Und wo die Triangulierung funktioniert, zeigen ältere Kinder später ein weit weniger aggressives Verhalten und größere reflektive Fähigkeiten.

Die Dreieckskonstellation scheitert allerdings häufig an der Unfähigkeit der Eltern, ihre eigenen Positionen einzunehmen. Wer als Kind keine intensive Beziehung zu beiden Elternteilen aufbauen konnte, tut sich auch schwerer damit, sie dem eigenen Kind möglich zu machen. So neigen Mütter, die unter abwesenden Vätern gelitten haben, oft dazu, auch zwischen ihren Partnern und dem gemeinsamen Kind keine große Nähe zuzulassen, die Bedeutung des Vaters herunterzuspielen. Und viele Väter haben ganz grundsätzlich ein Problem mit dem Leben zu dritt auf allen vieren.

»Wenn man sich auf ein kleines Kind einlässt, findet man sich immer erst mal auf dem Boden wieder«, sagt der Psychoanalytiker Hans-Geert Metzger, Mitherausgeber der Anthologie Die Bedeutung des Vaters – Psychoanalytische Perspektiven . »Für viele Väter ist es noch immer ungewohnt, sich auf die frühe Kindheit einzulassen, die mit wenig bis keiner Sprache einhergeht, mit völlig veränderten Zeitbegriffen. Die Angst, sich dabei vom gesellschaftlichen Alltag abhängen zu lassen, ist bei Männern offenbar stärker ausgeprägt als bei Frauen.«

Um eine männliche Geschlechtsidentität aufbauen zu können, müssen sich Jungen in den ersten beiden Lebensjahren wesentlich stärker von ihrer Mutter lösen als Mädchen, um ihr dann im Alter von vier bis fünf Jahren als kleiner Mann gegenübertreten zu können. Ihr Weg zur mühsam erkämpften inneren Stabilität ist weiter. »Um sich auf ein Baby einzulassen, muss der Vater aber genau diese Stabilität in Frage stellen, ein Stück weit loslassen«, so Metzger, »und das können nicht alle.« Mit ihrer Flucht in den Beruf versuchten viele junge Väter, »einerseits der Intensität auszuweichen, die sie in der Beziehung zwischen Mutter und Kind erleben, andererseits aber auch, diese Intensität durch etwas anderes, eigenes zu kompensieren«.

Die Liebe der Mutter, so Metzger, sei stärker auf Harmonisierung gepolt, die des Vaters dagegen trieborientierter, aufregender, »jedenfalls ist das die traditionelle Aufteilung«, die unter anderem in unterschiedlichen Spielpraktiken zum Ausdruck komme. Diese Unterschiede sind auch wichtig für die Entwicklung der kindlichen Geschlechtsidentität, wobei die Haltungen flexibel gestaltet werden können: »Natürlich kann die Mutter genauso aufregende Spiele anbieten, entscheidend für das Kind ist die Bipolarität.«

Welche grundlegende Bedeutung der fürsorglichen Anwesenheit der Väter während der Kindheit zukommt, wird vor allem da deutlich, wo sie nicht stattfindet, wo Väter nach einer Trennung nicht einmal mehr Tage oder Stunden mit ihren Kindern verbringen, sondern sich komplett aus deren Leben zurückziehen. Metzger deutet auf die Couch seiner Praxis im Frankfurter Nordend, auf der wochentags viele vaterlose Kinder liegen, aus denen erwachsene Patienten geworden sind. Ohne Triangulierung werden die immergleichen Sackgassen symbiotischer Dyaden beschritten, die Sehnsucht nach dem zweiten Spiegel bleibt bestehen. »Selbst wenn jemand ohne Vater aufwächst, findet sich trotzdem immer ein inneres Vaterbild«, eine Fantasiegestalt, die idealisiert oder entwertet werden kann – ohne Möglichkeit allerdings, den Entwurf mit der Realität abzugleichen. »Das kann zum Problem werden und dann auch in spätere Partnerschaften hineinragen.«

Was also sollen sie tun, die jungen, modernen, noch neueren Väter? Wie könnte ein Leitbild aussehen, das Orientierung bietet? »Den vorherrschenden Typus gibt es nicht mehr«, sagt Metzger. »Dafür ist das Leben zu komplex. Mit einem einzigen Rezept kommt man da nicht durch.« Was nicht heißen soll, dass eine väterliche Haltung nicht nach wie vor sinnvoll wäre, »angereichert durch Haltungen und Einstellungen, die der jeweiligen entwicklungspsychologischen Situation angemessen sind«. Wie also kann es gehen?

Gobby lässt lange Pausen zwischen den Sätzen, wenn er antwortet. Das warme, gelbe Licht der Deckenlampe fällt auf sein Haar, das er unwesentlich länger trägt als den Drei-bis-fünf-Tage-Bart im Gesicht. Er blickt durch das grüne Glas der Bierflaschen auf dem Tisch, während er sagt, dass er ein komisches Gefühl hatte, als er feststellte, dass er ratgeberlos in die Geburt seiner Zwillinge gerutscht war. »Ich hab mir einfach keine Literatur reingezogen, und als ich das merkte, hatte ich irgendwie ein schlechtes Gewissen.« Nicht mal beim Geburtsvorbereitungskurs waren sie, seine Frau hat ohnehin schon eine elfjährige Tochter aus einer früheren Beziehung. »Allerdings wird das alles schon in den ersten Wochen nach der Geburt ad absurdum geführt. Du kannst sowieso nichts machen als das, was du eben machst, so sein, wie du bist. Es gibt Väter, die lassen ihr Kind schreien, weil sie glauben, dass das so sein muss, und es gibt Väter, die können das einfach nicht eine Sekunde aushalten – da kann man so viel lesen, wie man will.«

Søren nickt, sagt, es sei viel spannender, mit seiner Tochter einen eigenen Weg zu finden. »Und ich bilde mir ein, dass ich bisher ganz gut damit gefahren bin.« Er grinst. Dann sagt er, es könnte vielleicht auch damit zu tun haben, dass seine Freundin ziemlich viele Ratgeberbücher gelesen hat. »Natürlich waren wir beide am Anfang unsicher, woher soll man die Sicherheit auch nehmen, wenn’s das erste Kind ist?« Er sei überhaupt ein ängstlicher Mensch, als Vater, »wahrscheinlich auch übervorsichtig und behütend, allerdings weiß ich nicht, wie man ein zweijähriges Kind zu viel behüten kann. So bin ich halt, und daran hätten auch 100 Bücher nichts geändert.« Beide Väter wünschen sich weitere Kinder. »Jedes Alter hat so viel Schönes und Schreckliches – das nur ein einziges Mal zu erleben ist mir viel zu wenig«, sagt Søren.

Dem statistischen Trend entsprechen diese Väter nicht. Bei Erhebungen bewegt sich die durchschnittliche Zahl der gewünschten Kinder schon seit Jahren im Bereich eins Komma irgendwas, Tendenz sinkend. Und 26,3 Prozent der deutschen Männer im Alter zwischen 20 und 39 Jahren können sich überhaupt nicht mehr vorstellen, selbst Kinder in die Welt zu setzen – mehr als doppelt so viele wie noch 1995.

»Wir können heute empirisch gesichert sagen, dass bei der absoluten Mehrzahl der Väter die soziale Komponente der Vaterschaft deutlich an Bedeutung gewonnen hat«, sagt Wassilios Fthenakis, Direktor des Münchner Staatsinstituts für Frühpädagogik und Autor zweier Studien zur Rolle der Väter in Familie und Gesellschaft im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Der Alleinernährer, dessen zärtliche Zuwendung darin gipfelt, seinen Kindern einen Kuss auf die Stirn zu drücken, wenn sie längst schlafen, ist demnach auf dem Rückzug. Die anderen aber, »die engagierten Väter haben gleichzeitig enorme Probleme, ihr Konzept unter den gegebenen Arbeits- und Lebensbedingungen umzusetzen«.

Berufstätig und fürsorglicher Vater zugleich sein zu wollen ist ein Balanceakt, unter dem viele Männer leiden, auch wenn sich das prozentual nur schwer fassen lässt. »Aber wir wissen«, so Fthenakis, »dass der von Vätern erlebte Konflikt genauso stark ist wie bei erwerbstätigen Müttern – mit dem Unterschied, dass bei den Frauen seit Jahrzehnten darüber diskutiert wird, bei den Männern nicht.« Solchermaßen unter Druck geraten, neigten viele Männer dazu, ihr Verhalten zu polarisieren: »Wir haben also einerseits Männer, die sich gerne und sehr intensiv um ihre Kinder kümmern möchten, andererseits aber auch solche, die bewusst eine Biografie ohne Kinder ins Auge fassen.« Der Trend ist deutlich: ganz oder gar nicht.

Um ein Klima zu schaffen, das Männern die Entscheidung für ein Kind erleichtert, sei mehr erforderlich als Elterngeld und väterfreundliche Angebote einzelner Wirtschaftsunternehmen. »Wir brauchen ein Gesamtkonzept für eine vätersensible Politik, auf der Ebene der Arbeitswelt, der Bildungsinstitutionen, auf der kommunalen Ebene und bei den beratenden Diensten.« Bisher, hat Fthenakis festgestellt, seien die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen trotz zunehmender Bereitschaft zu engagierter Vaterschaft weitgehend gleich geblieben. »Viele Paare legen beim Zusammenleben Wert auf Gleichberechtigung, suchen die Maximierung der gemeinsam verbrachten Zeit, des gemeinsamen Glücks. Nach der Geburt des ersten Kindes hat dieses Modell aber kaum noch eine reelle Chance. Das Zusammenleben wird traditionalisiert, baut nicht mehr auf Gleichberechtigung auf, sondern die Rollen in der Partnerschaft werden traditionell gestaltet, was dann wiederum zum Problem für die Familien wird.«

Können die Väter wirklich nicht anders? Oder sind die Hürden ein willkommener Vorwand, um sich aus der Verantwortung zu stehlen? Nach Angaben des Statistischen Bundesamts arbeiteten im Jahr 2005 95 Prozent der Väter von Kindern im Alter unter drei Jahren Vollzeit, bei älteren Kindern sogar noch ein Prozent mehr. Von den Männern, die eine Teilzeitbeschäftigung angenommen hatten, führte nur gut ein Viertel persönliche und familiäre Gründe für diese Entscheidung an, während fast die Hälfte der Väter angab, nur deshalb weniger zu arbeiten, weil sie keine Vollzeitbeschäftigung gefunden hatten.

»Die Stabilität der Geschlechterrollen im Erwerbsbereich macht es Männern natürlich immer noch leicht, in bestimmten Positionen zu verharren, die Umstände liefern ihnen ja ständig Argumente«, sagt der deutsche Soziologe Sighard Neckel, der seit wenigen Monaten an der Universität Wien lehrt. Ungleiche Beschäftigungsverhältnisse plus ungleicher Lohn gleich: Mutter bleibt zu Hause. »Eine Umkehr wäre für viele mit schwersten finanziellen Verlusten verbunden, das wollen beide nicht, und diese Widersprüchlichkeit führt dann dazu, dass Arrangements fortbestehen, die man eigentlich nicht mehr haben will.«

Als Neckel zum ersten Mal Vater wurde, war er 38 Jahre alt. Nach der Entbindung hielt ihm eine Hebamme, die einen frauenbewegten Anstecker am Revers trug, eine Schere entgegen, um die Nabelschnur seiner Tochter zu durchtrennen – neben Plazentaweiterverarbeitungsprozeduren bis heute ein beliebtes Geburtsritual. »Das war völlig paradox, dass ausgerechnet eine Hebamme mit diesem Frauenzeichen am Kittel mich zu diesem patriarchalischen Akt zwingen wollte. Und ich hab das dann auch von mir gewiesen.«

Als wissenschaftlicher Assistent, sagt er, sei er damals der ökonomisch Stärkere in der Beziehung gewesen, und er ist es heute wieder, in seiner zweiten Ehe, »trotz jeweils hoch qualifizierter Partnerinnen«. Neckel ist 50 Jahre alt. Er sagt, er verfüge mittlerweile über mehr Lebenssicherheit, könne es sich als Professor eher als früher erlauben, beruflich für seine Familie zurückzustecken.

Vor eineinhalb Jahren kam sein Sohn zur Welt. Er hat damals einen Geburtsvorbereitungskurs besucht, »aus einer gewissen voyeuristischen Neugier der Zeitzeugenschaft heraus«, wie er sagt, kokett und augenzwinkernd. Irgendwann sollten die werdenden Väter eine Gruppe bilden und gemeinsam über ihre Ängste und Probleme sprechen. »Da kam dann alles, was so zum Curriculum dazugehört, die Standards unserer psychotherapeutischen Kultur, wobei ich nicht das Gefühl hatte, dass das jetzt irgendwie befreiend aus den Männern hervorbrach.« Ein Teilnehmer sagte, er fühle sich als Mann so getrennt von seiner schwangeren Partnerin (»Der schläft doch neben seiner Frau im Bett, da wird man ja wohl eine gewisse Leiblichkeit erleben«), ein anderer thematisierte das Gefühl des Gebärneids (»Klischee«). Sighard Neckel sagt, er habe die Gelegenheit genutzt und seine Angst formuliert, sich jetzt einen Kombi kaufen zu müssen. Seine Frau und sein Sohn werden demnächst nach Wien ziehen, wo er eine Professur übernommen hat.

Bei ihnen kam es, wie es kommen musste, sagen die Väter in Hamburg-St. Pauli, aber es war okay. Gobby hatte eine feste Stelle, seine Frau die Tochter, »und bei drei Kindern war klar, dass einer dann einfach den ganzen Tag zu Hause sein muss, damit der Laden läuft«. In einer anderen Konstellation hätte er sich die Rolle als Hausmann vorstellen können, »jedenfalls behaupte ich heute, dass es funktioniert hätte«. Gobby arbeitet im Schichtdienst am Theater. Wenn er kann, bringt er die Mädchen morgens in den Kindergarten. »Die ersten Tage waren furchtbar, ein ganz komisches Gefühl, sein Kind zum ersten Mal wegzugeben. Ich konnte den Ort gar nicht verlassen, meine Frau hat mich weggezogen.«

Søren bringt Manou jeden Morgen in ihre Kita, früher hat er sie auch abgeholt, es ging nicht anders, wegen der festen Arbeitszeiten seiner Freundin. »Da bekam sie dann eher die indirekten Vorwürfe zu hören: Wie, du hast dein Kind schon abgegeben? Wieso hast du dann überhaupt eins bekommen?«

Manou hat Asthma. Als Kleinkind musste sie immer wieder ins Krankenhaus. Søren sagt, dass er gerne bei seiner Tochter geblieben wäre, auch über Nacht. Aber im Zimmer lag noch ein anderes krankes Kind, mit seiner Mutter. Da könne man keinen Mann dazulegen, meinten die Schwestern. »Das war schon in Ordnung, zumal meine Freundin sich in so einem Fall eben eher krankschreiben lassen kann, bei mir fehlen die Tage anschließend in der Werkstatt.«

Sørens Freundin kommt nach Hause, setzt sich einen Augenblick an den Tisch im Wohnzimmer. Søren sagt: »So, jetzt bin ich etwas gehemmt.« Er lacht, aber das Gespräch gerät tatsächlich ins Stocken. Sie bleibt nicht lange. Dass ihre Töchter Papa zu ihnen sagen, sei ihnen wichtig, sagen die Väter. Nicht Gobby, nicht Søren, schrecklicher Gedanke, sagen sie.

Im Herbst 2003 brachten 10000 Kinder in Frankfurt und Umgebung einen großen Umschlag mit aus der Schule nach Hause, der einen zehnseitigen Fragebogen und ein Anschreiben enthielt: »Sehr geehrte Väter! Das Frankfurter Institut für Sozialforschung macht eine Väterstudie. Wir wollen untersuchen, ob und wie sich die Einstellungen von Vätern zu Familie und Kindern und das Erziehungsverhalten unterscheiden. Mit Ihren Antworten helfen Sie uns, Wissen darüber zu verbreiten, wie heutige Väter ihre Vaterschaft erleben.« Knapp 2500 Männer schickten ausgefüllte Fragebögen zurück, aus denen die Soziologen Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger sechs Vatertypen destillierten: den partnerschaftlichen, traditionellen Vater (6 Prozent), den randständigen Vater (10,2 Prozent), den unsicheren, gereizten Vater (12,8 Prozent), den traditionellen, distanzierten Vater (17,8 Prozent) und, immerhin als größte Gruppe der nicht repräsentativen Studie, den egalitären Vater (28,5 Prozent), der sich als partnerschaftlich, dem Kind zugewandt, geduldig und von seiner Partnerin hoch akzeptiert beschreibt.

Im Windschatten der egalitären Väter allerdings segelt mit 24,7 Prozent ein Typ, dem die Wissenschaftler nach eingehender Analyse der Untersuchungsergebnisse das Attribut »fassadenhaft« verliehen haben. »Dieser Vater«, so Gumbinger, »hieß bei uns am Anfang durchschnittlicher Typ, weil er statistisch gesehen überall auf dem Durchschnitt lag.« Im Gespräch mit Vertretern dieser Gruppe stießen die Soziologen allerdings auf ein interessantes Phänomen: Während sich die Väter deutlich von traditionellen Rollenbildern distanzierten, Wert auf Gleichberechtigung legten und ihr Verhältnis zu ihren Kindern als positiv beschrieben, stellte sich bei Rückfragen heraus, dass zwischen väterlichem Vortrag und familiärer Realität eine erhebliche Lücke klaffte.

»Die Fassadenhaften haben das Gefühl, sie seien eigentlich engagierte, zugewandte Väter, einer von ihnen bezeichnete sich zum Beispiel als good guy , einen Freund der Kinder – dabei war er aber allenfalls ein Wochenend-Vater, weil er die Woche über gar nicht anwesend war, sondern in einer anderen Stadt arbeitete.« Für Erziehung und Grenzsetzung, für den Alltag seiner Kinder stand er nicht zur Verfügung. Allerdings stellen auch die Partnerinnen der fassadenhaften Väter das Selbstbild ihrer Männer nicht in Frage. »Sie vertreten selbst dieses Frauenbild: Das ist meine Rolle, es ist schön, wenn der Vater was macht, aber so gleichberechtigt will ich den eigentlich gar nicht haben. Eine Mutter brachte das sehr bildhaft zum Ausdruck: Diese hyperaktiven Väter, die überall dabei sein und Kindergeburtstage gestalten wollen, das lehne sie ab.«

Große emotionale Unsicherheit sei der größte gemeinsame Nenner der von ihnen befragten Väter gewesen, Ratlosigkeit angesichts der Frage, wie sich das, was man als Anspruch formuliert, auch umsetzen lässt. Andrea Bambey zitiert Männer-Studien, die belegen, dass sich auf der Oberfläche des Bewusstseins und des Handelns zwar einiges verändert habe, die tiefen Schichten aber, die definieren, »was ein Mann oder eine Frau zu sein haben«, wenig beweglich seien. »Es gibt zwar die Kitsch-Poster von Kerlen, die Säuglinge im Arm halten, aber da spürt man ja schon das Schiefe der Inszenierung. Männliche Geschlechtsidentität und emotionale Vaterschaft – das ist immer noch nicht ohne weiteres in Deckung zu bringen.«

Ein Krisenphänomen, sagt der Dresdner Sozialwissenschaftler und Geschlechterforscher Lothar Böhnisch, der sich in so zahlreichen Publikationen mit der maskulinen Verfasstheit beschäftigt hat, dass man ihn häufig als Männerforscher bezeichnet. Zunächst einmal sei die Liebe der Väter ebenso wie die der Mütter ein soziales Konstrukt: »Liebe muss gelernt werden.« Gegen die Vorstellung eines biologischen Automatismus spreche ja schon die Tatsache, dass es Mütter gibt, die ihre Kinder aussetzen. Über den rein körperlichen Prozess hinaus erfülle die Mutterliebe auch eine wichtige soziale Funktion. »Es gibt da eine Zuweisung an die Mutterliebe, weil Mutterschaft als Bindemittel für die Kleinfamilie benötigt wird.« Dass auch Männer dazu in der Lage sind, diese Funktion zu übernehmen, zeige das empirische Beispiel, »alleinerziehende Väter, die beweisen, dass es auch anders geht«. Die allerdings machen nach wie vor nur ein Prozent der alleinerziehenden Eltern in Deutschland aus.

Faktisch engagierten sich Väter tatsächlich heute mehr in den Familien, »man merkt allerdings oft, dass es sich dabei um bestimmte Zeitsegmente handelt, Event-Väter, die immer für bestimmte Aktivitäten zur Verfügung stehen, die bei technischen Arbeiten helfen, aber weniger bei der Beziehungsarbeit.« Ihren Kindern präsentierten sie sich meist von ihrer starken Seite, erzählten selten, wenn im Büro etwas schief gelaufen ist – was wiederum Auswirkungen auf die Vorstellungen von Männlichkeit hat, die ihre Kinder entwickeln.

Böhnisch glaubt den Vätern, die in Untersuchungen versichern, gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu wollen. »Bei zwei Dritteln ist das tatsächlich so. Dass sie es trotzdem nicht tun, liegt daran, dass es ihnen strukturell verwehrt wird.« Im Berufsleben wächst der Konkurrenzdruck, die Ökonomie fordert umfassende Verfügbarkeit, »und das vor dem Hintergrund einer starken Geschlechternivellierung in der Öffentlichkeit, bei der man als traditioneller Mann einfach nicht mehr durchkommt«.

Wer erst gar keine Arbeit findet, kämpft mit dem Gefühl, versagt zu haben. »Wenn man davon ausgeht, dass das traditionelle Normalarbeitsverhältnis für Männer wichtig ist, weil es über Jahrzehnte ihr Korsett war, wenn das im europäischen Durchschnitt aber nur noch für die Hälfte der Männer erreichbar ist und der Rest in prekären Arbeitsverhältnissen oder ohne Arbeit lebt, dann geraten Männer in Siutationen, in denen ihnen Kompetenzen abverlangt werden, die traditionell eigentlich nicht mit ihrer Rolle zusammenhängen.« Konflikte aushalten, ohne gewalttätig zu werden zum Beispiel.

In kritischen Situationen, »und die haben nicht ab-, sondern eher zugenommen«, so Böhnisch, neigten Männer dann dazu, auf alte Rollenklischees zurückzugreifen. »Traditionelle Männlichkeit wird als Bewältigungsmittel gewählt, alles, was bleibt, ist diese Inszenierung von Maskulinität, um auf sich aufmerksam zu machen.« Neu sei dabei, dass dieses Verhalten inzwischen häufig als Abweichung wahrgenommen werde, dem Normalverhalten nicht zugehörig. »Mannsein als gesellschaftliche Rolle«, so Böhnisch, »ist insgesamt schwierig geworden.«

Er sagt, dass er geschockt war, als seine Freundin schwanger wurde. »Mein erster Gedanke war damals: Das geht nicht. Wir kannten uns auch noch gar nicht so lange.« Gobby verließ die Stadt und fuhr für ein paar Tage zu seinem Vater, in die hessische Provinz. Um Ruhe zu haben. Und kam zurück als werdender Vater, entschlossen. »Das war damals nicht als Suche nach meinem Vater gemeint, weil ich selbst Vater wurde. Ich habe damals nicht mal mit ihm darüber gesprochen, das hätte mir bei der Frage auch gar nicht geholfen. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zueinander, er ist ein liebevoller, gefühlvoller Mensch, aber ich kann mit ihm nur schwer über solche Dinge sprechen, wir haben es einfach nicht gelernt, uns über gefühlsmäßige Dinge auszutauschen.«

Wenn es gut läuft, läuft es später anders mit Edda und Lilly, klar. Nicht ganz anders, sagt Gobby, »ich hatte eine glückliche Kindheit«, ein paar Dinge nur. Welche? Es ist spät geworden, nach Mitternacht.

Søren spricht über seine Tochter Manou, die Kleine, die nicht aufgewacht ist, als ihre Mutter sie küsste, erzählt davon, dass er durch sie eine neue Form zu lieben gelernt hat, »eine so intensive Form von Liebe, wie ich sie bisher einfach nicht kannte, und die ganz anders ist als Liebe einer Partnerin gegenüber«. Er sieht zu Gobby, noch einmal aus wachen blauen Augen. »Es gibt einfach nichts, was über diesem Kind steht.« Beziehungen zu Frauen, sagt sein Freund, waren doch einfach das: Beziehungen zu Frauen eben. Auch er hatte damals seine Tochter auf dem nackten Bauch liegen. Nachdem er das T-Shirt gewechselt hatte. »Ich konnte weder schlafen noch denken, ein ganz komisches, schönes Erlebnis. Und ich weiß noch, dass ich dachte: Hier fängt gerade eine Beziehung für den Rest deines Lebens an.«

Über welche Antwort würden sie sich freuen, sollte man in 15 Jahren ihre Töchter fragen, was sie von ihren Vätern halten? Die Väter schweigen, lange. Dann sagt Gobby: »Im Jargon, den sie wahrscheinlich drauf haben werden, würde ich mir so was wünschen wie: Ich hab einen echt coolen Vater. Das beinhaltet Respekt, Liebe, eigentlich alles, worum es mir geht.«

erschienen im Januar 2008 in DIE ZEIT
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