auf wiedersehen

Kein anderes Land in Südamerika hat zwischen 1933 und 1945 so viele jüdische Emigranten aufgenommen wie Argentinien. Und kein anderes
Land der Welt hat nach dem Krieg so schnell seine Grenzen geöffnet
für die Verfolger – Nationalsozialisten und ihre Gefolgsleute.
Eine Spurensuche in der deutschen Kolonie, 60 Jahre nach Kriegsende

Man hat mich gebeten, die Angelegenheit nicht zu erwähnen. Das Opfer fürchtet den Groll der Kinder des Täters, obwohl er seit Jahren tot ist. Die Geschichte ist lange her. Es geht um Juden und Nazis in Argentinien, vielleicht auch nur um Mitläufer. Das Opfer jedenfalls schweigt. Ohne Anklage kein Verfahren, icht mal eine Auseinandersetzung. Wir haben lange darüber diskutiert. »Sie verstehen das nicht, Sie sind zu jung. Ich möchte nicht, dass es Krach gibt«, hat das Opfer gesagt.

Im Mai scheint die Herbstsonne zwischen den Ästen der Platanen über der Avenida de Mayo. Zeitungen berichten vom Kampf um Berlin, schwarzweiße Soldaten hissen auf dem Reichstag eine Flagge, die rot sein müsste. Im Gesellschaftsteil ein Beitrag über einen Polizisten aus Buenos Aires, der im August 1992 einen 17-Jährigen zu Tode gefoltert hat, über Fußballfans in Córdoba, die Hakenkreuzfahnen schwenken. Ihr Verein wird Strafpunkte kassieren.

Frau Behrend wartet im Vorgarten ihres Hauses unter dem Flaschenbaum, den sie am Telefon beschrieben hat. Es gibt nicht viele, die noch vom deutschen Exil in Argentinien berichten können. Die meisten sind gestorben, anderen hat das Alter die Erinnerung geschliffen. In Erzählungen über das »Dritte Reich« weicht die erste Person Singular der dritten Person Plural.

Frau Behrend hat Apfelkuchen besorgt. Sie lässt sich nicht helfen, während sie Tischtuch und Teller aus der Küche ins Wohnzimmer trägt. Eva Behrend, geborene Rosenfeld, ist 89 Jahre alt. Sie läuft gebeugt. Wenn sie spricht, wirkt sie wie eine Frau mittleren Alters, der ihr Körper zu klein geworden ist.

Wie viele jüdische Flüchtlinge Argentinien in der Zeit des Nationalsozialismus aufgenommen hat, ist ungewiss. Die Einwanderungsbestimmungen waren lange Zeit liberal, schon aus Tradition. Später zahlte, wer konnte, und immigrierte illegal. Schätzungen kreisen um die Zahl 45 000, womit das Land im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl als Fluchtpunkt an zweiter Stelle hinter Palästina rangiert. Aber die absoluten Zahlen sagen nicht alles.

Im Juli 1938 erließ die Regierung in Buenos Aires das Dekret 11 der Kategorie »streng vertraulich«. Darin wies das Außenministerium seine Botschafter an, künftig all jenen Menschen Visa zu verweigern, die in ihrem Herkunftsland als »unerwünschte Personen« galten. Das Wort Jude fiel nicht, es musste nicht fallen. Manche Diplomaten sind auf diese Weise reich geworden.

Infolge des Dekrets ging die Zahl legaler jüdischer Einwanderer von 4919 im Jahre 1938 auf 1873 ein Jahr darauf zurück. Von den Passagieren, die im Hafen von Buenos Aires die Decks der zweiten und dritten Klasse verließen, bekannten sich 1942 60 Menschen zum jüdischen Glauben, 26 im Jahr 1943, im Jahr 1944 war es ein einziger. Auf Druck der Alliierten erklärte Argentinien Deutschland 1945 den Krieg, sechs Wochen bevor er vorbei war. Im Landesinneren übten Kampfflugzeuge Luftangriffe mit Mehlsäcken. Jahre später, während der Diktatur, warfen Militärs die leblosen Körper von Regimegegnern aus offenen Ladeluken in den braunen Rio de la Plata.

Eva Rosenfeld war 21 Jahre alt, als sie im Mai 1937 nach Südamerika kam. Im Hafen warteten sieben Bräutigame auf ihre Bräute. Sechs wussten, wen man schmieren muss, um ungehindert einzureisen. Evas Bräutigam wusste es nicht. Die erste Nacht verbrachte sie deshalb wenig komfortabel im »Hotel de los Inmigrantes«.

Am nächsten Morgen begleiteten Polizisten sieben Brautpaare zum Standesamt. Ein Beamter versuchte sich an einer deutschen Ansprache. Es war nicht feierlich. Die Flitterwochen verbrachten Heinz und Eva Behrend, geborene Rosenfeld, in Buenos Aires, wo wenig später im Luna-Park 20 000 Menschen unter Hakenkreuzstandarten den Anschluss Österreichs feierten. Viele Auslandsdeutsche, die als deklassierte Wirtschaftsflüchtlinge an Land gegangen waren, wälzten sich nach den Wirren der Weimarer Republik im nationalistischen Glamour ihrer idealisierten Heimat.

Jüdische Exilanten und deutschnationale Immigranten gemeinsam in der Fremde – man könnte Straßenschlachten vermuten zwischen Faschisten und Antifaschisten, wüste Beschimpfungen in Bussen wenigsten oder zumindest heftige Diskussion zwischen geflüchteten Juden und dem Reden der gehorsamen Jagdhunde. Doch dazu kam es selten. Man lebte für sich. »Guten Morgen.« – »Guten Abend.« – Parallelgesellschaften an der Peripherie des Dritten Reichs.

»Es gab eben Nazis«, sagt Frau Behrend nüchtern. Die Eheleute zogen weiter nach Norden, in das Dorf La Cumbrecita südlich von Córdoba, das damals aus wenigen Häusern bestand. Eins davon hatte Heinz Behrend für seine Familie gebaut. Frau Behrend sagt, sie sei nie religiös gewesen. Sie sagt es mehrfach.

Der Bus nach La Cumbrecita braucht anderthalb Stunden für 35 Kilometer holpriger Landstraße. Am Ortseingang führt eine Brücke über den Fluss, dahinter stellt sich dem Verkehr ein Balken in den Weg. La Cumbrecita – Pueblo Peatonal (Fußgängerdorf). Sie drucken das auch auf T-Shirts. Die Fußgängerzone gilt in Frühling und Sommer von 10 bis 18 Uhr, in Herbst und Winter von 9 bis 20 Uhr, – was folkloristisch gelungen ist. Manche Touristen sähen am liebsten blonde Recken in Uniformen auf der Brücke, einen Nazi-Themenpark mit SS-Männern zum Anfassen. Die Einwohner lachen darüber. Dabei kommen die Touristen nur zu spät. Hinweisschilder bestehen in La Cumbrecita grundsätzlich aus Holz. Es gibt Hirschgeweihe unter Spitzgiebeln, Eichenlaub in Brunnen und Bächen, Kuchen, Kuckucksuhren, Bierhumpen. Hossa. Am Schwarzen Brett bietet jemand 400 Peso Belohnung für Hinweise auf den Verbleib vier geraubter dunkelgrüner Plastikgartenstühle. Die Unterkünfte heißen »Waldhütten«,  »Am Hang«, »Kuhstall«, ein »Nirvana« immerhin.

In die Fluten des »Almbachsees« soll sich einst von hohen Klippen Oberst a.D. Hans-Ulrich Rudel gestürzt haben, samt Beinprothese. Der Ex-Luftwaffenpilot war nach dem Krieg unter dem Namen Rudolf Mayer nach Argentinien gereist. Seine NS-Kameraden Josef Mengele, Rudolf Hess und Karl Dönitz hatten ihm viel zu verdanken. Hossasa.

Das Dorf preist das friedliche Zusammenleben seiner Pioniere, von dem die Grabsteine mit Kreuzen und Davidsternen auf dem Friedhof zeugen sollen, der nur nach längerem Fußmarsch über Geröll erreichbar ist und meistens geschlossen. Im Prospekt heißt es: »Durch die Venen der Gattin des Ortsgründers floss jüdisches Blut.« Man hat nicht immer damit geworben.

Aber die Pioniere sind tot, und im wiedervereinigten Fußgängerdorf reicht das Gedächtnis der Bewohner nicht weit genug zurück. Heinz und Eva Behrend lebten zunächst nur ein halbes Jahre in La Cumbrecita. Die folgende Dekade verbrachten sie in Dörfern der Umgebung, bis sie 1948 zurückkehrten, nach Ende des Krieges, mit drei Söhnen. Die Behrends eröffneten eine Pension. Viele ihrer Gäste kamen aus Buenos Aires. Die meisten waren Juden.

»La Cumbrecita war eine arische Enklave«, sagt Ursula Rabinovich, geborene Kamm, zumindest hätten die Bewohner das Dorf anfangs auf diese Art präsentiert. Gäste seien persönlich geladen worden. Erst nach dem Krieg habe das nachgelassen. Sie sagt, das sei allgemein bekannt gewesen, selbst in Córdoba. Wahrscheinlich ist, dass die Retrospektive vom harmonischen Nebeneinander so nie gestimmt hat, nirgendwo. Aber wozu die Narben reiben. Denk an all die anderen, die ins Gas gegangen sind. Schließ die Tür.

Frau Rabinovich erinnert sich nicht, wie das Schiff geheißen hat, mit dem sie im Juli 1938 nach Argentinien kam. Die Fotos von der Überfahrt sehen aus wie Aufnahmen aus einem Urlaubsalbum. Über den Augen des Vaters liegt der Schatten einer Schirmmütze, die Mutter lächelt im Profil, zwischen ihnen ein knapp zwei Jahre altes Mädchen mit gebräunter Haut und sonnenmüden Augen, Ursula, Ulla. Es gibt Suppe und selbst gegossene Pralinen.

Ihr Vater hatte eine wertvolle Briefmarkensammlung aus Deutschland retten können, für die sich ein argentinischer Senator interessierte. Er bot ein Einreisevisum zum Tausch, für eine Familie. Die Kamms berieten sich. Sie holten die Familie der Mutter.

Erzählt haben ihre Eltern ihr wenig. Frau Rabinovich erinnert sich an die Tränen ihres Vaters, als er wortlos den Brief vom Roten Kreuz in Fetzen riss und das Foto seiner Mutter über eine Kerze im Wohnzimmer hielt. Seine Familie starb in Auschwitz. Sie erinnert sich an das blaue Kleid, das ihre Mutter am 8. Mai 1945 trug, an eine Brosche mit kleinen bunten Fahnen, als in Bahía Blanca jüdische Emigranten in den Straßen tanzten und in Europa die Jäger zu Gejagten wurden.

Argentiniens Präsident Juan Domingo Perón holte von 1946 an mit Unterstützung der katholischen Kirche und des Roten Kreuzes massiv Flüchlinge aus Europa ins Land. Peróns Argentinien war der erste Staat, der deutschen Emigranten nach dem Zweiten Weltkrieg die Einreise gewährte – lange Zeit auch der einzige Staat, der dabei auf jedwede Entnazifizierungsnachweise verzichtete. Das autoritäre, anti-kommunistische Regime Peróns garantierte jenen, die sich als »Demokratieverfolgte« betrachteten, ideologischen Unterschlupf.

Nach argentinischen Angaben stieg in Córdoba der Bevölkerungsanteil deutscher und jugoslawischer Herkunft von fünf Prozent im Jahr 1943 auf 23 Prozent 1961. Die geflüchteten Herrenmenschen durften sicher sein, dass ihre Vergangenheit nicht in Frage gestellt werden würde. 1968 fand in Argentinien nicht statt.

Unterschlupf fanden Nazi-Größen wie Klaus Barbie, früherer SS-Hauptsturmführer und im besetzten Frankreich grausamer Gestapo-Chef von Lyon. Er hielt sich auf seiner Flucht aus Deutschland einige Zeit in Argentinien auf. Oder Adolf Eichmann, einstiger SS-Obersturmbannführer und zentrale Figur bei der Ermordung von Millionen von Juden, der zehn Jahre lang unbehelligt in Buenos Aires lebte, bis ein blinder jüdischer Exilant den israelischen Geheimdienst Mossad auf seine Spur brachte. 1960 entführte der Mossad Eichmann und verfrachtete ihn nach Israel, wo er zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Mitte der 90er Jahre stießen US-Journalisten in Bariloche eher zufällig auf Erich Priebke, einstmaliger SS-Hauptsturmführer, der sich später in Italien für seine Beteiligung an einem Massaker 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom verantworten musste.

In Villa General Belgrano, im Süden von Córdoba, sagen sie, es habe mit den Spee-Matrosen zu tun, dass ihr Dorf bis heute landesweit unter dem fremdenverkehrsfeindlichen Namen »el pueblo nazi« bekannt ist. Man hört das nicht gerne. 132 Matrosen wurden in Villa interniert, nachdem Hans Langsdorff, der Kapitän des deutschen Panzerkreuzers Admiral Graf Spee, sein Schiff am 17. Dezember 1939 in der Mündung des Rio de la Plata in die Luft gesprengt hatte. Um seiner Besatzung einen sinnlosen Kampf zu ersparen, heißt es, und um das Kriegsmaterial nicht in die Hände der Briten fallen zu lassen. Anschließend nahm sich Langsdorff das Leben.

Zwei der vier Überlebenden sind krank. Die anderen beiden, Gustavo Ditdrich und Fritz Sander, 85, treffen sich samstagmorgens zum Stammtisch im »Speemann«, einer Kneipe, die von Argentiniern betrieben wird. Ditdrichs Augen leuchten, wenn er von seinem Pferd erzählt, das nachts allein den Weg vom »Viejo Munich« zurück ins Lager fand. Sie leuchten allerdings auch sonst. Wahrscheinlich hat Gustavo früher viele Herzen gebrochen. Das Gästebuch hätten sie nie angesehen, sagen beide. »An alle Helden der Graf Spee. Sieg Heil!«, steht dort. Was will man da sagen, was will man da machen. Argentinien ist ein freies Land, che.

Vor einem Monat gab es einen Skandal in Villa, der in der Hauptstadt weniger Aufsehen erregt hätte. T-Shirts mit Reichsadler und Hakenkreuz sollen verkauft worden sein, fünf Jahre lang. Das Geschäft ist geschlossen, urlaubshalber. Im Laden gegenüber raunt der Besitzer, sein Kollege sei ein  »halber Nazi«, ein früherer argentinischer Offizier, Sie wissen schon. Dann zieht er eine CD unter seiner Theke hervor. Best of Hitler-Reden. Seine Meinung sei das nicht, sagt er, aber die Touristen wollten es so. Er sagt: Touristen aus Argentinien, keine Deutschen. Der Unterschied ist ihm wichtig. Es gibt Miniaturbierkrüge mit der Aufschrift »Bundesland«, dazu Wappen und Namen in Fraktur – Hessen, Berlin, Salzburg.

Eine Kampagne, sagt Gerda Sander, die Frau von Fritz, aus Hass gegen das Dorf, aus Neid, weil es den Menschen in Villa General Belgrano besser geht als anderswo, durch eigener Hände Arbeit. »Ich hab das T-Shirt nicht gesehen, aber ich sag Dir auch was: Selbst wenn da ein Hakenkreuz drauf war, ist das denn so schlimm? Das ist doch Geschichte.« Fritz summt. Es klingt ungehalten, passt jedenfalls nicht zur Volksmusik aus den Lautsprechern. Hinter der Kneipe, die Straße rauf, steht ein Mahnmal für die Gefallenen der Graf Spee. Es wird oft beschmiert.

»Ja, die Jugend«, sagt Gerda. – »Das brauchen nicht die Juden sein«, sagt Fritz. »Einfach Leute, die anders denken.« – »Die JUGEND«, sagt Gerda. Qué Juden? Gerda ist in Buenos Aires geboren, lächelt freundlich und warm, aus einem Mädchengesicht von 70 Jahren. Vielleicht versteht sie wirklich nicht, warum das heute noch Thema sein soll.

Der Wirt Federico Seyfarth, Jahrgang 1933, erinnert sich, wie ihm irgendwann mal sein Küchenchef, der Guth, erzählt habe, dass er Polizeichef im besetzten Frankreich gewesen sei. Nach ihm gesucht wurde erst, als er bereits tot war. Fridolin Guth wurden Partisanenerschießungen zur Last gelegt. Interessiert habe das niemanden, sagt Seyfarth. »Über politische Positionen wurde nicht gesprochen. Man wollte vorwärts kommen, hat gearbeitet.«

Im Ort fehle es heute an Deutschen, »oder Schweizern oder Österreichern, einer anderen Rasse, die etwas fleißiger ist, nicht so korrupt wie die Italiener und Spanier«. Und nichts gegen die Juden, sagt der Wirt, er habe gute Kunden gehabt. Er wird sich missverstanden fühlen.

Günter Meininghaus legt Wert auf die Feststellung, dass er für bestimmte Dinge kein Verständnis aufbringt, den Holocaust zum Beispiel. »Die Juden lebten in Deutschland, es war ihr Geburtsland. Warum nicht einziehen? Zu den Waffen, wie es jedem anderen erging? Wie im Ersten Weltkrieg? Wenn jemand zu Tode gekommen wäre, wäre es unter dem Einfluss des Krieges geschehen, nicht auf so schmähliche Weise.«

Abgesehen davon, sagt er, bestünden ja auch bis heute gewisse Zweifel über die genaue Anzahl der Opfer. Günter Meininghaus ist Inhaber des Hotel Edelweiß, Jahrgang 1928, Träger des Bundesverdienstkreuzes. Er erzählt von einem Ausflug mit dem Skatverein zur Colonia Dignidad in Chile, Anfang der achtziger Jahre. »Da haben wir mal ein bisschen rumgeschnüffelt, man wollte ja auch erfahren, was da los ist.« Die Skatbrüder stellten fest, dass die Deutschen ihr Brot tatsächlich selbst backen. »Diese Menschen sind sehr weit gekommen«, sagt Günter Meininghaus. Auch er wird sich missverstanden fühlen.

Weil die Spiegel in Villa General Belgrano vor 60 Jahren zerschlagen worden sind.

In Frau Behrends Garten in Córdoba wächst eine Eiche in den Himmel, die ihr jemand vor Jahren im Topf geschenkt hat. Um die Baumkrone zu sehen, muss man den Kopf in den Nacken legen und die Augen zusammenkneifen. Frau Behrend sagt, dass sie Argentinien sehr dankbar ist.

Als ihr jüngster Sohn Tommy an Polio erkrankte, verließen die Behrends La Cumbrecita und zogen nach Córdoba. Von den politischen Aktivitäten der älteren, Pedro und Juan, den Frau Behrend »Hänschen« nennt, erfuhr sie erst, als beide das Land verlassen mussten, drei Monate nach dem Militärputsch im März 1976. Nachts waren Schüsse in die leeren Fenster von Pedros Haus gefallen, die letzte Warnung. Ihre Schwiegertochter sagte: »Wir werden bald in ein Land gehen, in dem so etwas nicht passiert.« Sie meinte Deutschland.

Juan Behrend arbeitet heute in Brüssel als Sekretär der Grünen im Europaparlament. Pedro Behrend, Traumatologe, kehrte nach dem Ende der Diktatur nach Argentinien zurück. Er sagt, dass er sich nie als Jude gefühlt habe. Als Kind sei die Geschichte seiner Eltern kein Thema gewesen, die wenig von den Schrecken ihrer Vergangenheit erzählten. Vielleicht um die Angst nicht noch einmal durchleben zu müssen. Vielleicht um den Söhnen nicht die Last der eigenen Geschichte aufzubürden. Vielleicht die Scham der Überlebenden. Am Operationstisch in Deutschland stritt Pedro mit Kollegen über die politischen Verhältnisse in Lateinamerika. Er war im Exil, als sein Vater starb, im Oktober 1980.

Die Angelegenheit, von der hier nicht die Rede sein darf, lässt sich nicht beweisen. Es soll der Satz gefallen sein: »Wir wollen keine Juden mehr im Dorf.« Das Opfer ist der letzte Zeuge. Es deckt den Täter. Wir decken den Täter. Man wird die Angelegenheit vergessen. In La Cumbrecita.

erschienen im Mai 2005 in der Frankfurter Rundschau
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