dicke füße, blonde möbel

Nah am Wahnsinn: Die Erzählungen des betörenden uruguayischen Schriftstellers Felisberto Hernández

Stellen Sie sich vor, Sie laufen über den Flohmarkt und entdecken an einem Stand das Hochzeitsporträt eines jungen Mannes aus den 30er Jahren. Er trägt Anzug und Fliege, wirkt gefasst bis betrunken und die von ihm aus betrachtet linke Partie seiner Frisur ist in einer Weise aufgebracht, als zwinkere Ihnen der Bräutigam unentwegt zu, eine komplizenhafte, sepiafarbene Botschaft, die vor langer Zeit ausgesendet wurde, jedoch nicht vergangenen ist. Und sehen Sie: So ähnlich verhält es sich mit dem Werk des uruguayischen Autors Felisberto Hernández.

Im Jahr 2006 – in dem ebenso mediokre Titel die Bestsellerlisten anführen wie in den Jahren zuvor – die in dem Sammelband Die Frau, die mir gleicht enthaltenen Erzählungen von Felisberto Hernández herauszubringen, einige davon zum ersten Mal in deutscher Übersetzung, diese den Gesetzen des Markts gegenüber so widerspenstige Prosa gleichsam als Flaschenpost zu verschicken, ist eine so wunderbare verlegerische Leistung, dass sie selbst dann nicht geschmälert würde, sollte die Entscheidung zufällig gefallen sein (was kaum vorstellbar ist).

In diesem Zusammenhang – wie im Feuilleton geschehen – die Frage aufzuwerfen, ob die Veröffentlichung nicht möglicherweise zu spät kommt, wo selbst begabte, zeitgenössische Autoren aus Lateinamerika nicht die Beachtung finden, die ihnen gebührt, führt nicht weiter. Die berechtigte Forderung kann doch nur lauten, dass beides möglich sein muss.

Zu Lebzeiten ist dem 1902 in Uruguays Hauptstadt Montevideo geborenen Felisberto Hernández so ziemlich alles an Anerkennung versagt geblieben, was sein Talent für ihn bereit hielt. Seine Karriere als Konzertpianist verendete zwischen Engagements als Stummfilmbegleiter und mäßig besuchten Konzerten in Uruguay und Argentinien. Seine Buchhandlung, »El burrito blanco«, musste wenige Monate nach der Eröffnung schließen. In dem von ihm gegründeten Musikkonservatorium blieb er der einzige Klavierstudent. Vier Ehen scheiterten, jeweils beerdigt mit dem erneuten Einzug bei seiner Mutter in Kaschemmen und Pensionen.

Zwar bekam er ein Stipendium für einen mehrmonatigen Aufenthalt in Paris, veröffentlichte zahlreiche Erzählungen, doch jenseits der Fürsprache von renommierten Autoren wie Victoria Ocampo und Jorge Luis Borges fand sein Werk in der breiten Öffentlichkeit nur wenig Beachtung. Ende 1963 diagnostizierten Ärzte Leukämie im Endstadium. Er starb am 13. Januar des darauf folgenden Jahres. Sein zerstörter, aufgedunsener Leichnam musste durch das Fenster abtransportiert werden, weil er nicht durch die Tür des Krankenzimmers passte.

Vom berühmt gewordenen Boom lateinamerikanischer Autoren in Europa wurde sein Werk nicht erfasst. Jahrelang war der schmale, Mitte der 80er Jahre aufgelegte Suhrkamp-Erzählungsband Die Hortensien in deutscher Übersetzung nur über moderne Antiquariate zu haben. Jetzt also Die Frau, die mir gleicht , 24 kurze Stücke, darunter auch »Die Hortensien«, von Novellenumfang und -qualität.

Es gibt weniges, womit sich diese Erzählungen vergleichen lassen. Der Hinweis auf die französischen Surrealisten liegt nahe, aber es gibt keine überlieferten Hinweise darauf, dass er sich auch nur um ein Treffen mit ihnen bemüht hätte, als er in Paris lebte. Das Brenneisen der lateinamerikanischen Literatur, der magische Realismus, natürlich, aber darin geht es nicht auf. Felisberto Hernández ist einzigartig. Es ist, als habe er alle Schubladen der antropomorphen Schränke Dalís aufgezogen, Gelächter, Klaviertasten, Verzweiflung und ein paar Augen hineingelegt, um sich anschließend wieder unbemerkt zu verziehen. Eine kreative Schändung.

Seine Erzählungen bewegen sich im Grenzgebiet zwischen Erinnerung, Traum, Assoziation und Überschreitung – und wirken dabei mitunter so sehr verbunden mit ihm, dass das Durchkommen schwer fällt. Gegenstände »leben in ruhigen Erinnerungen«, »Familien blonder Möbel« treten auf, Witwen setzen ihre Villen unter Wasser, um ihren ertrunkenen Gatten nahe zu sein, während Frauen die Mitteilung schmeichelt, dass die Gedanken im Kopf des Liebenden Gymnastik treiben, »aber wenn sie komme, sprängen sie alle aus dem Fenster«. Es gibt Sex mit Puppen von Flaubert’scher Tragik. Die Hände der Erzähler verfügen über ein von ihm unabhängiges Sein, wissen mehr, als er durch Tasten erfühlen kann, nicht zuletzt deshalb, weil es sich bei den Protagonisten häufig um Pianisten handelt (und selbst wenn sie es nicht sind, selten aus der Verfasstheit des Künstlers, des einsamen Künstlers, des leidenden Künstlers, der mit dem aufrechten Gang im Alltag kämpft, herausfinden). Das Ganze gespickt mit Metaphern, zum Niederknien schön, Mitteilungen über Menschen, die aus kleinen Booten quellen »wie ein dicker Fuß aus einem ausgeschnittenen Schuh«, Türen, die schmutzig sind, »wie eine alte Schlampe«.

Wir lesen diese Erzählungen, als habe uns jemand versehentlich auf den Stuhl eines Psychoanalytikers gesetzt. Der Patient redet und redet und wir sitzen da, ohne Stift und Papier, glauben zu verstehen, staunen, erschrecken, lachen und verlassen den Raum, um uns zu sammeln, doch es gelingt nicht. Diese Geschichten sind ein Fest des Wahnsinns, und dabei so nah an einer spürbaren Wahrhaftigkeit, die ausgestorben zu sein scheint.

Es gibt Menschen, die mit Menschen befreundet sind, die man so sehr schätzt, dass man ihnen unbesehen sein Kind anvertrauen würde. An diesen Instinkt versuchen Verlage anzuknüpfen, wenn sie Zitate von berühmten Schriftstellern auf Buchdeckel druckt, die beteuern, kein anderer Autor habe ihnen so viel bedeutet wie der des vorliegenden Werks. Bei Felisberto Hernández ist es Gabriel García Márquez, der sagen darf: »Ohne die Lektüre von Felisberto Hernández wäre ich nicht der Schriftsteller, der ich bin.« Wir kommen nicht umhin, im Bereich der Buchbanderolen eine gewisse Sättigung im Bezug auf den von uns grundsätzlich sehr geschätzten kolumbianischen Nobelpreisträger festzustellen. Deshalb an dieser Stelle sehr herzliche Grüße, verbunden mit der freundlichen Bitte, sich beim nächsten Empfang mit euphorischen Äußerungen ein bisschen zurückzuhalten, vor allem in Anwesenheit von Verlegern.

Einer, der sich nicht bei jeder, genauer gesagt: bei keiner Gelegenheit mehr äußern kann, ist der mittlerweile leider verstorbene Julio Cortázar. Was er zur Diskussion beigetragen hat, wiegt schwer. Umso bedauerlicher ist, dass der Suhrkamp Verlag auf den Nachdruck seines exzellenten Begleitworts zum Erzählband Die Hortensien verzichtet hat, zählt es doch zum Klügsten, was über das Werk Felisberto Hernandez‘ publiziert worden ist (womit nichts gegen das ebenso informative wie erhellende Nachwort von Angelica Ammar gesagt sein soll, das eine solide Einführung in die Biographie liefert, aber gegen Cortázar darf man schon mal den Kürzeren ziehen, das ist keine Schande).

»Die ganze Schönheit und Traurigkeit eines Patio in einem armen Haus oder in einer Partie Karten unter Freunden schimmert auf in dieser Art von unwiderstehlicher Entzauberung, die aus den Erzählungen Felisbertos entsteht«, schreibt er. »Wie alle unserer großen Autoren klagt er uns ohne Emphase an und reicht uns gleichzeitig einen Schlüssel, damit wir die Türe zum Zukünftigen aufschließen und hinaustreten ins Freie.« Seinerzeit verband Cortázar mit den Erzählungen Hernández‘ die Hoffnung: »An dem Tag, an dem Lateinamerika seine revolutionäre Bestimmung erfüllt, wird jedermann Felisberto mit der Vertrautheit lesen, die heute vielen Lesern noch abgeht; wir werden dann in eine menschliche Dimension eingetreten sein, in der es sich erübrigt, mit rhetorischen Kniffen graue Zonen auszugrenzen, die bei Schriftstellern wie ihm die wahre Heimat des Menschen und des Lebens ankündigen.«

Dieser Tag harrt nach wie vor seines Anbruchs. Aber nichts steht dem Versuch entgegen, sich heute auf das Experiment einzulassen. Auf dass die Grenzen zwischen Empfinden, Schmerz und Alltag überwindbarerer werden.

Felisberto Hernández: Die Frau, die mir gleicht. Erzählungen.Übersetzt von A. Ammar, A. Botond und S. Giersberg. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2006, 401 Seiten, 24,80 Euro

erschienen im September 2006 in der Frankfurter Rundschau
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