die rettende fähre

Und dann sind wir halt einfach losgefahren. Es war keine spontane Entscheidung. Der Plan, den April und Mai 2021 in Griechenland zu verbringen, um an einem Buchprojekt zu arbeiten, war zu einer Zeit entstanden, als wir Corona noch aus Flaschen tranken. Und weil wir ungern davon lassen wollten, gerade jetzt, taten wir das, wozu die Behörden gerade keine Zeit haben: Wir prüften (unter Sicherheitsaspekten) den Einzelfall – unseren Einzelfall.

Mit dem Auto von Frankfurt an den Gardasee, im Auto auf einem Campingplatz übernachten: check. Mit dem Auto nach Ancona, auf die Fähre, die Zeit an Bord so lange wie möglich im Freien verbringen, dann mit FFP3-Maske in die Kabine: check. Die Fähre im griechischen Hafen Igoumenitsa ebenso maskiert verlassen, mit dem Auto auf die ionische Insel Lefkada, die eine schwimmende Brücke mit dem Festland verbindet, und dort zwei Monate inklusive einer Woche Quarantäne in einem abgeschiedenen Ferienhaus verbringen, in einem Land, in dem schon seit Wochen von 21 bis 5 Uhr Ausgangssperre herrscht und man sein Haus nur aus triftigem Grund verlassen darf. Ja: CHECK, Mann. Einmal die Woche Großeinkauf. Schreiben. Aufs Meer schauen. Wir hielten unseren Plan für risikoarm, also vertretbar.

Und wie sahen die Transitländer und unser Reiseziel die Sache? Österreich und Italien, lasen wir, verlangten bei Durchreise Formulare (Name, Ausweisnummer, Nummernschild). Der griechische Tourismusminister erklärte, die Urlaubssaison starte erst Mitte Mai; das Fremdenverkehrsamt teilte uns auf Anfrage mit, die Einreise zu touristischen Zwecken sei verboten. Sollten wir dennoch die Fähre benutzen, werde man uns die Einreise verweigern – eine Auskunft, die wir im Internet jedoch nirgendwo bestätigt fanden. Die Reederei, bei der wir anriefen, verwies uns an die Hafenbehörde in Ancona, die uns an die Reederei verwies. Bei der griechischen Botschaft hieß es, ihnen sei kein Fall bekannt, bei dem Touristen an der Einreise gehindert worden seien.

Wir beschlossen, es zu versuchen. Der Website des Auswärtigen Amts zufolge war der bulgarisch-griechische Grenzposten Promahonas nach wie vor offen, auch für »non-essential travel«. Wenn man uns im Hafen von Ancona nicht auf die Fähre ließe – würden wir einen Espresso im Stehen trinken und dann über die Balkanroute nach Griechenland fahren.

Der PCR-Test am Vorabend unserer Reise ist negativ. Kurz hinter der deutsch-österreichischen Grenze halten uns drei Beamte an. Sie erkundigen sich nach unseren Reiseplänen, sind auf Nachfrage bereit, einen Blick auf unsere Formulare zu werfen, und parieren ihrerseits mit einem Formular, das unsere „Durchreise durch das Bundesland Tirol“ quittiert, samt Uhrzeit der Einreise und »Unterschrift des Kontrollorgans« (Josef unleserlich). Dieses Dokument wird nie jemand sehen wollen. Die Nachrichtenseite Keep Talking Greece berichtet unterdessen über 55 deutsche Touristen, die mit dem Flugzeug auf Kreta gelandet sind, zum Verblüffen der Einheimischen im Lockdown.

Die Polizisten, die in Italien hinter der Grenze am Straßenrand stehen, interessieren sich weder für uns noch für unsere Formulare. Wir erreichen den menschenleeren, aber ganz regulär geöffneten Campingplatz am Gardasee am frühen Abend und bestellen Pizza, die ein Bote mit dem Roller ausliefert. Sie schmeckt ausgezeichnet. Die Nacht im Auto ist vieles nicht, aber immerhin kontaktfrei.

Am nächsten Vormittag in Ancona händigt uns der Mann am Schalter der Reederei die online gebuchten Tickets aus, weist darauf hin, dass sich die Fähre ein paar Stunden verspätet, und wünscht uns gute Fahrt. Wir reihen uns ein in die kurze Schlange der Kleinfahrzeuge, vielleicht 40, 50 Wagen aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien, deren Fahrer und Beifahrer ebenso wenig essential wirken wie wir. Die Fähre verlässt den Hafen gegen 19 Uhr, während die untergehende Sonne den Himmel hinter der flatternden griechischen Fahne so orangerot färbt, als wär gar nichts. Wir trotzen der Kälte an Deck mit Ouzo und Daunen und ziehen uns gegen Mitternacht in unsere Kabine zurück.

Die Fähre erreicht Igoumenitsa kurz nach Mittag. An der Hafenausfahrt fordern uns Beamte auf, den Wagen abzustellen und uns auf Covid-19 testen zu lassen. Eine Ärztin scannt unser Passenger-Location-Formular, das vor der Einreise elektronisch ausgefüllt werden muss. Sie heißt uns auf Plastikstühlen Platz zu nehmen, entnimmt Proben in der Mundhöhle. Dann sagt sie »Ciao«. Das war’s. Wir sind jetzt in Griechenland.

im April 2021 erschienen in DIE ZEIT
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