Die Revolution der Welpen

Der Fortschritt wird im Foyer aufgehalten von Reinigungskräften, die ein Foto mit ihm wollen. Er nimmt sich die Zeit, sagt ein paar Dankesworte, legt die Hand flach auf seine Brust im hellblauen Hemd und neigt den Kopf. Gabriel Boric, der leibhaftige Fortschritt, ist an diesem Morgen zum chilenischen Kongress nach Valparaíso gekommen, um Abschied als Abgeordneter zu nehmen. Aus dem Oberlicht fallen Sonnenstrahlen auf ihn wie Scheinwerfer. »Der Auserwählte«, raunt eine Zuschauerin.

Er versucht voranzukommen, aber jemand steckt ihm ein Headset ins Ohr, damit er zu den Kindern am anderen Ende der Leitung spricht. Er versucht voranzukommen, aber ein Kameramann überreicht ihm eine kleine Puppe mit Präsidentenschärpe, die die Frau des Kameramannes für ihn gehäkelt hat. Er versucht voranzukommen, aber bis zur nächsten Umarmung sind es selten mehr als drei Schritte. Wenn der 36 Jahre alte Gabriel Boric an diesem Freitag nach der offiziellen Amtsübergabe den Balkon der Moneda, des Regierungspalasts in der Hauptstadt Santiago, betritt, wird er der jüngste Präsident in der Geschichte des Landes sein. Aber das ist nur einer von vielen Superlativen. Und wer weiß, vielleicht hält er seine Rede auch anderswo. Boric hält nicht viel von Konventionen.

Was dieser Tage in Chile passiert, als Zeitenwende zu bezeichnen wäre untertrieben. Boric stammt aus Punta Arenas, Patagonien, im äußersten Süden des Landes und des Kontinents. 2009 besetzte er mit Kommilitoninnen und Kommilitonen wochenlang die juristische Fakultät, an der er studierte, um für mehr Bildungsgerechtigkeit zu demonstrieren. 2011 führte Boric die größten chilenischen Studentenproteste aller Zeiten mit an. Als er 2014 als unabhängiger Abgeordneter in den Kongress einzog, wurde er vor eine Ethikkomission zitiert, weil er sich weigerte, eine Krawatte zu tragen (mittlerweile halten es dort viele so). Dass er mit mehr Stimmen als je ein Kandidat zuvor zum Präsidenten der Republik gewählt wurde, darf man sich ungefähr so vorstellen, als wäre 1974 in Deutschland Rudi Dutschke statt Helmut Schmidt Bundeskanzler geworden. Wer ist der Mann, dem dieser unwahrscheinliche Sieg gelungen ist?

Diese Frage führt an einem sonnigen Nachmittag vor eine etwa fünf Meter hohe massive Holztür, den Eingang zum Hauptgebäude der traditionsreichen Universidad de Chile in Santiago. Im Rücken rauscht der Berufsverkehr über die vielspurige Avenida Libertador Bernardo O’Higgins. Straßenhändler verkaufen Raubkopien von Büchern und DVDs und eisgekühlte Getränke. Der Klingelknopf löst ein sattes, lautes Pausenläuten aus, dann öffnet sich die Tür einen Spaltbreit.

Simón Boric, der jüngere Bruder des künftigen Präsidenten, arbeitet in der Verwaltung der Universität, an der beide studiert haben. Man ist hier sehr stolz darauf, 20 Regierungschefs hervorgebracht zu haben. Im Patio hängt eine Tafel, die an sie erinnert. Unter ihnen ist der Sozialist Salvador Allende, den das Militär 1973 brutal aus dem Amt putschte. »Der Name meines Bruders«, sagt Simón Boric, »wird später auch auf der Tafel stehen.« Er versucht, das eher beiläufig zu erwähnen, aber es gelingt ihm nicht besonders gut.

Mit seinem Nachnamen lebt es sich mittlerweile weniger ruhig als früher. Nicht nur die Zuneigung, auch die Ablehnung strahlt auf den jüngeren Boric ab. Er sagt, es habe Drohungen per WhatsApp gegeben. Mögen vor allem jüngere Chileninnen und Chilenen Gabriel Boric mitunter wie einen Rockstar feiern – immerhin 42 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben bei der Stichwahl im Dezember für den Rechtspopulisten José Antonio Kast gestimmt: Vater von neun Kindern, Sohn eines Wehrmachtoffiziers, Bruder eines Mannes, der dem Diktator Augusto Pinochet als Minister diente.

In der entlegenen Provinz Magallanes aufzuwachsen, knapp 3000 Kilometer südlich der Hauptstadt, umgeben von Wind und Weite, stifte in der lokalen Bevölkerung ein starkes Gefühl von Gemeinschaft, erzählt Simón Boric in seinem Büro. Auch in seiner Familie herrsche großer Zusammenhalt. Die Mutter war Bibliothekarin, der Vater Chemieingenieur, das gemeinsame Mittagessen heilig. Seinen drei Jahre älteren Bruder habe er immer als großzügig und solidarisch erlebt, obwohl Simóns Freunde manchmal Angst vor ihm gehabt hätten, wenn er mit seinem kuttigen alten Trenchcoat durch die Stadt spaziert sei. Gabriel habe schon immer einen sehr eigenen Kleidungsstil gepflegt.

Die einzige Kritik, zu der Simón Boric sich durchringen kann, klingt in der Bemerkung an, dass sein Bruder nie viel Zeit für ihn gehabt habe, weil er sich schon früh für Politik interessierte. Aus seiner Schulzeit ist ein Brief an seine Mitschülerinnen und Mitschüler überliefert, in dem der damals Achtjährige in Schreibschrift um ihre Stimmen bei der Wahl zur Schülervertretung wirbt. »Als Ihr mich zum ersten Mal gewählt habt, wusste ich nicht, was Präsident sein bedeutet, deshalb war ich ein schlechter Präsident. Aber jetzt bin ich besser vorbereitet.« Unterzeichnet: »Gracias, Gabriel.« Das mit der Vorbereitung ist auch jetzt wieder so eine Sache.

Es gibt Menschen, nicht nur im konservativen Lager, die der neuen Regierung mit großer Skepsis begegnen. Das Durchschnittsalter im Kabinett liegt bei 49 Jahren, sieben der Ministerinnen und Minister sind noch keine 40 Jahre alt. Boric hat sich um parteipolitische Ausgewogenheit bemüht und Leute wie den zukünftigen Finanzminister Mario Marcel berufen, der erst kurz zuvor zum Präsidenten der chilenischen Zentralbank ernannt worden war – vermutlich auch, um die Märkte zu beruhigen. Doch eine ganze Reihe seiner engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Vertraute aus der Zeit der Studentenproteste und haben bisher nie ein Regierungsamt bekleidet. Im Abgeordnetenhaus hat er keine Mehrheit. Mit seiner Koalition, der Frente Amplio, treten erstmals Politikerinnen und Politiker in Verantwortung, die keinem der beiden Lager angehören, die seit dem Ende der Diktatur mehr als 30 Jahre lang den Kurs der Nation bestimmt haben.

Aber vielleicht ist es genau das, was Chile dringend braucht. Die Zustimmungswerte für den scheidenden Präsidenten Sebastián Piñera sind im Keller. Die massiven Proteste, die im Oktober 2019 begannen, haben deutlich gemacht, wie tief die Unzufriedenheit im Land sitzt und wie vielschichtig sie ist. Auslöser war damals die Erhöhung der Metro-Preise um 30 Peso, etwa drei Cent. Aber im Kern ging es um deutlich mehr.

Das neoliberale Wirtschaftsmodell, von Pinochet implementiert und verfassungsrechtlich verankert, hat die staatliche Fürsorge bis aufs Skelett abgemagert. Bildung, Rentensystem, selbst die Wasserversorgung wurden privatisiert. Das Bruttoinlandsprodukt mag gestiegen und die bitterste Armut gesunken sein. Dennoch reicht der chilenische Mindestlohn heute gerade mal für einen Laib Brot. 50 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verdienen weniger als 500 Euro im Monat, obwohl die Preise in den Supermärkten denen in Europa ähneln.

Auf dem Höhepunkt der Proteste, die erst die Pandemie zum Erliegen brachte, stimmte Gabriel Boric als Vermittler zwischen Demonstranten und konservativer Regierung der Einsetzung eines Konvents zu, der eine neue Verfassung erarbeiten soll. Seine 155 Mitglieder tagen derzeit im Zentrum von Santiago. Die überwiegende Mehrheit gilt als progressiv. Sollte sich der von ihnen erarbeitete Text, über den im Herbst landesweit abgestimmt wird, durchsetzen, würde das dem neuen Präsidenten die Arbeit deutlich erleichtern.

Gabriel Boric will bis zu seinem Amtsantritt keine Interviews geben. Es heißt, er habe es auch nicht gern, wenn andere über ihn sprechen. Sein früherer Lehrer Oscar Barrientos tut es trotzdem. Wir treffen uns in einem Café in einer Seitenstraße, nahe der Universität, wo die Straßen noch immer zahllose bunte Spuren der Proteste tragen. Barrientos ist nur knapp zehn Jahre älter als Boric, den er in Punta Arenas am Colégio Británico, einer Privatschule (»sehr teuer, aber gesellschaftlich durchlässig«), vier Jahre lang unterrichtet hat. Im Gegensatz zu seinem früheren Schüler kann er es sich immer noch erlauben, den rotblonden Bart recht zerzauselt zu tragen.

Gabriel, sagt Barrientos, sei immer sehr wissbegierig gewesen, ein Junge mit ausgeprägtem Hang zu Literatur, Politik und Geschichte – Themen, über die sie diskutierten, wenn der Schüler ihn zu Hause besuchte, um sich Bücher aus seiner Bibliothek auszuleihen. Die chilenischen Poeten, die Boric häufig zitiert, hat ihm sein Lehrer nahegebracht. Bis heute tauschen sich die beiden über ihre Lektüre aus. Und glaubt man Barrientos, liegt in einer Schublade des Präsidenten ein angefangener Roman, den er vorerst wohl nicht beenden wird.

Vor allem ein Charakterzug ist dem früheren Lehrer in Erinnerung geblieben. Gabriel Boric habe sich nie in einer Clique eingeschlossen, sondern sei mit allen klargekommen, den Fußballern, den Musikern, den Theaterleuten, den Nerds. Er sei kein Dogmatiker. Seine Fähigkeit, mit Menschen ins Gespräch zu finden, selbst wenn sie andere Meinungen als er vertreten, heben Leute, die ihn gut kennen, immer wieder hervor. Er wird dieses Talent brauchen, um in den kommenden Jahren Brücken zu bauen, zwischen den politischen Lagern, den Generationen, zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Sollte ihm das gelingen, wird man seine Gabe vielleicht irgendwann als magischen Pragmatismus bezeichnen.

Die To-do-Liste, die sich die neue Regierung vorgenommen hat, ist lang. Sie reicht von der Reform des Rentensystems, einer allgemeinen Krankenversicherung, dem Ausbau des Bildungswesens bis hin zur stärkeren Besteuerung hoher Einkommen und von Unternehmen. Der Staat soll dezentralisiert werden. Aktivisten fordern die Freilassung von Gefangenen, die seit dem Ausbruch der Proteste 2019 im Gefängnis sitzen. Und dann ist da noch der Klimawandel, dem Chile mit »türkisfarbener Diplomatie« begegnen will – grün wie die Wälder, blau wie der Pazifik. Ein zukünftiger Staatssekretär sagt beim Gespräch mit Tränen in den Augen, seine größte Sorge sei es, die immensen Hoffnungen zu enttäuschen, die viele Chilenen in die neue Regierung setzten.

Ist das alles überhaupt zu schaffen? Es lohnt sich, noch einmal an der Tür zur Universidad de Chile zu klingeln, in die übergangsweise auch Camila Vallejo eingezogen ist, Gesicht und Stimme der chilenischen Studentenproteste von 2011. Auch die ZEIT zeigte sie damals auf dem Titel. Vallejo lacht und sagt, ihre Mutter habe die Ausgabe aufgehoben. Sie empfängt in einem großen Saal mit chilenischer Fahne, die dort vermutlich schon vor ihrem Einzug hing. Sie trägt eine lila FFP2-Maske zur geblümten Bluse. Vallejo ist jetzt Sprecherin der Regierung, was in Chile mit ministerialem Rang verbunden ist, und gilt als eine der engsten Vertrauten des zukünftigen Präsidenten.

Boric selbst hat immer wieder betont, dass er als Präsident am Ende seiner Legislatur weniger Macht haben möchte als zu Beginn. Das Amt des Staatschefs ist in Chile mit seinen weitreichenden Befugnissen bis heute auf den Habitus lateinamerikanischer Caudillos zugeschnitten, Typen also, die dabei sind, aus der Zeit zu fallen. Bis zu seinem Wahlsieg hat Boric in einer kleinen Wohnung im Stadtzentrum gelebt und darauf bestanden, auch als gewählter Präsident nicht in die sichere Abgeschiedenheit zu fliehen. Nach langer Suche ist man im Stadtviertel Yungay fündig geworden: ein Haus mit türkisblauer Fassade, dem man die 500 Quadratmeter, 13 Zimmer und neun Bäder von außen nicht ansieht. Zu Fuß sind es 30 Minuten bis zur Moneda.

»Wir, auch der Präsident, verstehen uns als Kollektiv«, sagt Camila Vallejo am Ende eines langen Tages, der für sie auch nach unserem Gespräch kaum zu Ende sein dürfte. »Und zwar als eines, in dem Frauen, Feministinnen, eine starke Rolle spielen.« 14 von 24 Kabinettsmitgliedern sind Ministerinnen, darunter die Chefin des mächtigen Innenressorts. »Wir bauen praktisch von null auf, weil alles neu erfunden werden muss – das Gesundheitssystem, das Rentensystem«, sagt Vallejo. »Und wir sprechen dabei mit der Bevölkerung, mit den sozialen Bewegungen, aus denen wir kommen. Politik wird nicht nur im Kongress gemacht.« Das alles werde Zeit brauchen, sicher, »aber die Leute wissen das, sie sind nicht dumm«. Wichtig sei für sie, mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben, zuzuhören und sich das Ganze nicht zu Kopf steigen zu lassen. »Wir haben jetzt einen neuen Kampf begonnen.«

In der Nähe der Plaza Dignidad, die monatelang im Zentrum der Proteste stand, im Gebäude der Studentenvertretung, sitzt eine Frau, die schon lange auf diesen Kampf gewartet hat. Die Verwalterin Sonia Moreno gießt heißes Wasser auf das Nescafé-Pulver, sie trägt einen Arbeitskittel, aber sie bewegt sich wie eine Hausherrin durch die Räume.

Den Präsidenten und die Regierungssprecherin nennt sie cachorritos, Welpen, so jung waren die beiden, als Moreno sie zu Beginn ihres Studiums kennenlernte. Camila Vallejo habe sie damals ermutigt, ihren Schulabschluss nachzuholen, Gabriel Boric schrieb ihr Entschuldigungen, wenn sie wegen einer Demonstration nicht zum Unterricht gehen konnte. Sie hat ihm im Stehen Knöpfe angenäht und weiß, dass er Trauben nur ohne Kerne mag. Und als er die Wahl gewonnen hat, ist sie in die Kirche gegangen, um für ihn zu beten. Für sie, sagt Sonia Moreno, sei er schon immer ein guter Präsident gewesen.

im März 2022 erschienen in DIE ZEIT

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