Gretas Welt

Gretas Nachricht an die Welt erreicht Davos einen Tag vor ihrer eigenen Ankunft. Sie ist noch mit dem Zug unterwegs, des Klimas wegen, 32 Stunden quer durch Europa. Die Nachricht hat sie vor ihrer Abreise auf einem Platz vor dem Parlament in Stockholm aufgenommen. Greta Thunberg, ein 16 Jahre altes Mädchen, eingepackt in einen weinroten Anorak, mit Wollmütze und Wollschal, unter dem die langen geflochtenen Zöpfe fast verschwinden. Atemwolken begleiten ihre Worte.

Manche Leute sagen, wir alle hätten die Klimakrise gemeinsam verursacht. Doch das ist nur eine bequeme Lüge. Denn wenn alle schuldig sind, ist niemand schuldig zu sprechen. Aber es gibt Schuldige.

Sie hat das Video von unterwegs getwittert, ein Mädchen in einem Bahnabteil. Auf der Hauptbühne des World Economic Forum (WEF), dem jährlichen Treffen der globalen Wirtschaftselite in Davos, ist Greta Thunberg als Rednerin nicht vorgesehen. Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan hat durchgesetzt, dass ihre Worte die Teilnehmer trotzdem erreichen und auf einer Leinwand im Kongresszentrum gezeigt werden. War nicht ganz einfach, sagt sie später. »Aber ich habe versucht, denen klarzumachen: Wie steht das WEF da, wenn es die Bühne Bolsonaro gibt – und eine 16-Jährige, die eine Bewegung in Gang gebracht hat, kriegt keinen Platz?«

Greta ist unversöhnlich. Sie mahnt nicht, sie klagt an. Die schwedische Schülerin hat geschafft, was riesige Organisationen wie Greenpeace nicht vermochten: Zu Tausenden folgen Teenager ihrem Vorbild und gehen auf die Straße, um Erwachsene an ihre Verantwortung für das Klima zu erinnern.

Das Gesicht der Bewegung ist bis auf einen Augenschlitz mit Wolle bedeckt, als sie am Mittwochabend vergangener Woche auf der Schatzalp aus einem der Zelte des Arctic Basecamp kriecht. Polarforscher der Lancaster University haben 300 Meter oberhalb der Davoser Promenade bei klirrender Kälte ein Lager aufgeschlagen, um über ihre Arbeit zu berichten. Ihre Erkenntnisse sind alarmierend. Aber die meisten der rund 20 Journalisten, die im Schnee stehen und sich an Feuerschalen wärmen, warten auf Greta.

Als sie am 20. August des vergangenen Jahres auszog, um gegen den Klimawandel zu protestieren, nahm die Welt keine Notiz von ihr. Sie saß allein vor dem schwedischen Parlament in Stockholm, neben sich ein handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift Skolstrejk för Klimatet und einen Stapel Flyer:

Wir Kinder tun normalerweise nicht das, was Erwachsene uns sagen. Wir tun es ihnen nach. Und nachdem ihr auf meine Zukunft scheißt, scheiße ich auch darauf.

Greta trat in den Schulstreik. Am nächsten Tag setzte sich jemand neben sie. Das war der Anfang. Mittlerweile gehen jeden Freitag Schüler unter dem Hashtag #FridaysForFuture auf die Straße, in Deutschland, Italien und Großbritannien, in Uganda, Australien, in den USA. Und alle Welt will wissen, wer das Mädchen ist, das im Alleingang Massen mobilisiert.

Greta sieht müde aus, am Ziel ihrer Reise, für die sie von der Schule befreit wurde. Sie antwortet leise und einsilbig auf die Fragen der Journalisten.

– Warum bist du nach Davos gekommen?

– Weil ich eingeladen worden bin.

– Was willst du verändern?

– Alles.

– Hast du Hoffnung?

– Nein.

Die erste Nacht wird sie mit den Wissenschaftlern im Freien verbringen. Ein Abenteuer, sagt Greta. »Manche Leute kommen mit dem Privatflugzeug nach Davos und schlafen in Luxushotels, andere kommen mit dem Zug und schlafen in Zelten.« Ob das nicht ziemlich kalt sei, bei minus 18 Grad? »Ja, ich bin ein bisschen besorgt«, sagt Greta und grinst. Wenn Ironie ihren zarten Ernst durchbricht, entspannt sich die Stimmung augenblicklich. Vielleicht geht sie deshalb sparsam damit um. Greta ist nicht zum Spaß hier.

Eine NGO hat ihr einen Berater zur Verfügung gestellt, der ihre Pressetermine in Davos verwaltet. Er sitzt in Brüssel. Ein persönliches Gespräch mit ihr, teilt er mit, sei leider nicht möglich, aber vielleicht ergebe sich am Rande einer Veranstaltung die Gelegenheit für ein paar Fragen. Wer Greta Thunberg in Davos begleiten möchte, muss hinter ihr herlaufen. Am Donnerstagmittag mit ihr im Lift von der Schatzalp runter zur Promenade fahren, wo ein Kollege vom Guardian in Erfahrung bringt, dass Greta freitags in der Schule Sport, Erdkunde und Religion verpasst. Einen Schritt zur Seite treten, um den französischen Kollegen nicht im Bild zu stehen, während Greta in die Kamera spricht, vor allem junge Menschen müssten sich klarmachen, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht, wenn nichts passiert – sehr bald, jetzt, sofort. Auf dem Weg zum Panorama Dome, wo sie zu einem Lunch erwartet wird, tippt Greta im Gehen einen Tweet in ihr Smartphone. »Ein belgischer Journalist hat mir gerade gesagt, dass in Brüssel heute 35.000 Schüler streiken! Helden!«

Irgendwann gelingt es doch, Greta Thunberg für eine Viertelstunde zum Gespräch zu erwischen.

– Viel Trubel, Greta?

– Solche Gipfel sind immer hektisch, aber das Interesse an mir wird nicht von langer Dauer sein.

– Warum glaubst du das?

– So ist es doch immer.

Man kann sehen, dass ihr die Aufmerksamkeit unangenehm ist, Greta erträgt sie. Beim Sprechen hält sie den Blick meist gesenkt, zwinkert, als müsse sie jeden Satz aus sich herauspressen. Und wenn sie fertig ist, wirkt es manchmal, als senke sich um sie herum eine gläserne Wand.

Greta Thunberg war elf Jahre alt, als Ärzte bei ihr das Asperger-Syndrom diagnostizierten, eine Form von Autismus. Asperger-Patienten tun sich oft schwer mit sozialer Interaktion und neigen dazu, Spezialinteressen zu entwickeln. Im schwedischen Fernsehen hat Greta erzählt, wie ihre Wahrnehmung, ihr Hang, die Dinge schwarz-weiß zu sehen, ihr halfen, die Klimakrise als das zu erkennen, was sie sei: eine Krise, die keine Graustufen im Umgang erlaube. »Hätte ich kein Asperger, wäre ich nicht so komisch, dann wäre ich vielleicht auch in diesem sozialen Spiel gefangen, das alle anderen so begeistert.« Wenn Greta über Asperger spricht, klingt Autismus wie eine Waffe für politischen Protest im 21. Jahrhundert.

Für Greta soll alles mit einer Dokumentation über Plastikmüll im Meer begonnen haben. Die Dokumentation wurde vor einigen Jahren in der Schule gezeigt und warf Greta aus der Bahn. Sie weinte viel, sprach wenig, und irgendwann hörte sie auf zu essen. Auf Anraten eines Psychologen protokollierten ihre Eltern die Nahrungsaufnahme. Frühstück: 1/3 Banane, 53 Minuten. Mittagessen: 5 Gnocchi. 2 Stunden, 10 Minuten. So schreibt es Gretas Mutter Malena Ernman, eine bekannte Opernsängerin, die Schweden 2009 beim Eurovision Song Contest vertreten hat, in ihrem Buch Scener ur hjärtat, »Szenen aus dem Herzen«. Die Mutter schreibt darin auch, dass der Müll im Meer sich in die Retina ihrer Tochter gebrannt habe. Und dass Greta seitdem sehe, was alle anderen nicht sehen wollten.

In Deutschland ist das Buch der Mutter noch nicht erschienen, der ZEIT liegt in Auszügen eine englische Übersetzung vor. In Schweden erschien es am vierten Tag von Gretas Schulstreik. Man hat Ernman vorgeworfen, ihre Tochter für eigene PR-Zwecke zu missbrauchen, was sie von sich weist. Der Verdacht, Erwachsene – Vater, Mutter, Umweltlobbyisten – machten Greta zum Sprachrohr ihrer eigenen Interessen, wird immer wieder in den Raum gestellt, auch weil ihre Worte, selbst auf Englisch, so verdammt scharf geschliffen klingen. Dabei bestreitet sie gar nicht, dass sie ab und zu Hilfe beim Formulieren bekommt, vor allem von ihrem Vater.

– Nervt es dich, wenn du in sozialen Medien angegriffen wirst, Greta?

– Das passiert. Leute verbreiten Gerüchte über mich. Natürlich stört mich das ein bisschen, aber es zeigt auch, dass etwas passiert und Leute das als Bedrohung empfinden. Und das ist gut.

Bei Pressekonferenzen verwendet sie oft Bausteine aus Ansprachen, die sie in den vergangenen Monaten gehalten hat, bei Großdemonstrationen in London und Helsinki, beim TED Talk in Stockholm, beim Klimagipfel in Kattowitz.

Wir betteln nicht bei Entscheidungsträgern um ihre Anteilnahme. Sie haben uns in der Vergangenheit ignoriert, und sie werden es weiterhin tun. Aber die Dinge werden sich ändern, ob es ihnen gefällt oder nicht.

Dass man Greta die Urheberschaft ihrer Statements nicht zutraut, mag auch damit zusammenhängen, dass sie jünger aussieht, als sie tatsächlich ist. Beim Lunch im Panorama Dome in Davos sitzt sie an einem Tisch direkt vor dem Podium, wo vor sonnenbeschienener Schneekulisse über die Zukunft des Planeten diskutiert wird. Es sprechen: U2-Frontmann Bono, der Musiker Will.i.am, die Verhaltensforscherin Jane Goodall, die Diplomatin Christiana Figueres. Greta hat die Träger ihrer rosaroten Schneehose von den Schultern gestreift, ihr Haar ist zerstrubbelt. Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Trinkflasche, isst Erdbeeren (ja, Erdbeeren im Januar, auch dafür wird sie beschimpft werden) und sieht aus wie ein geparktes Kind.

Als der Moderator am Ende auf sie zukommt und fragt, ob sie noch ein paar Worte sagen möchte, steht sie ohne zu zögern auf und wiederholt eine Passage aus ihrer Nachricht an Davos.

Manche Leute sagen, wir alle hätten die Klimakrise gemeinsam verursacht. Doch das ist nur eine bequeme Lüge. Denn wenn alle schuldig sind, ist niemand schuldig zu sprechen. Aber es gibt Schuldige. Einige Leute, einige Unternehmen, vor allem einige Entscheidungsträger wussten genau, welchen unbezahlbaren Wert sie opfern, um weiterhin unglaubliche Mengen Geld zu verdienen.

Dann sagt sie: »Ich glaube, einige von Ihnen hier gehören zu dieser Gruppe.«

Der Veranstalter wird diesen Nachsatz später schneiden, ehe er das Video bei Twitter hochlädt. Natürlich könnte man einem Kind auftragen, solche Sätze aufzusagen. Aber es wäre kaum möglich, es mit ausreichend Mut aufzupumpen, um den Herrschaften von Davos direkt vor ihrer Nase ins Essen zu spucken.

– Hat das viel Überwindung gekostet, Greta?

– Ich denke nicht darüber nach. Ich bin schlecht im Lügen, das ist bei vielen Leuten mit Asperger so.

Es hat nicht den Anschein, dass Greta sich sagen lässt, was sie zu tun hat, von niemandem. Vielmehr wirkt sie wie jemand, der endlich einen Weg gefunden hat, andere zum Zuhören zu bringen, angefangen bei den Eltern. Ihre Mutter, sagt Greta, habe ihre internationale Karriere aufgegeben, um nicht mehr fliegen zu müssen. Ihr Vater Svante, Schauspieler, ernährt sich seit einem halben Jahr vegan und begleitet Greta, wenn sie bei Konferenzen auftritt, auch jetzt in Davos. »Es ist wie ein Hobby«, sagt er, »man steht daneben. Andere Kinder reiten oder fahren Abfahrtski.«

Den ersten Tweet am Freitag schickt Greta um 7.02 Uhr. »Ich wurde eingeladen, um Klaus Schwab und Christine Lagarde zu treffen. Anschließend werde ich beim WEF sprechen und um 11.15 Uhr eine Pressekonferenz im Icehouse halten, Promenade 93. Hinterher um 12 gibt es einen lokalen Schulstreik in Davos.«

Auf der Promenade folgt ihr später ein kleiner Schwarm von Kameraleuten. Die anderen Journalisten, 50, 60 Leute, warten auf den Beginn der Pressekonferenz. Greta verliest den Text, den sie vor wenigen Minuten beim WEF vorgetragen hat. Er schließt mit den Worten:

Erwachsene sagen immer: »Wir schulden es den jungen Leuten ihnen Hoffnung zu geben.« Aber ich will eure Hoffnung nicht. Ich will nicht, dass ihr hoffnungsvoll seid. Ich will, dass ihr Panik habt. Ich will, dass ihr die Angst empfindet, die ich jeden Tag spüre. Und dann will ich, dass ihr handelt. Ich will, dass ihr handelt wie in einer Krise. Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.

Auf dem Weg zur Demonstration kämpft sich Greta durch eine Woge aus Kameras und Mikrofonen, Kollegen schubsen sich gegenseitig zur Seite, einer stürzt. Der Verkehr steht. An einer Straßenecke verschwindet sie hinter einer Wand aus Journalisten und Fotografen. Eine Handvoll Schweizer Schüler ist hier zusammengekommen. Zwei Mädchen versuchen auf eine Mauer zu klettern und sich für die Fotografen in Szene zu setzen. Ein paar Schüler posen lachend für Selfies. In ihrer Mitte sitzt Greta im Schnee, ernst und wortlos, wie hinter Glas, und blinzelt in die Sonne.

Eine Frau in schwarzem Pelz läuft vorbei. Sie muss ausweichen, schüttelt den Kopf und lacht verächtlich: »Ach, Grrrrretttta, Grrrrretttta, Grrrrretttta.«

Der Zug verlässt Davos am Freitagnachmittag. Reisende filmen die schneebedeckten Berge vor dem Fenster. Das Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen, das zwischen ihnen sitzt, beachten sie kaum.

– Ich höre oft: Du bist so mutig, so tapfer. Aber eigentlich bin ich schüchtern. Deshalb habe ich mich ja allein vors Parlament gesetzt. Wenn ich nicht schüchtern wäre, hätte ich mich einer Organisation angeschlossen, mit anderen Jugendlichen. Aber ich bin nicht wirklich gut darin. Ich mach das lieber allein.

Bis Stockholm sind es 32 Stunden.

im Januar 2019 erschienen in DIE ZEIT

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