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Eine Verteidigung Frankfurts gegen seine Kritiker aus Anlass der Buchmesse 2008

erschienen im Oktober 2008 in DIE ZEIT

Komm rein und mach die Tür zu, es zieht. Und nimm die Fahrradkuriertasche von der Schulter, damit beeindruckst du hier niemanden. Merkt nicht mal wer, dass das cool sein soll. Eine Stadt, in der die Wege kurz sind, braucht keine Rushhour-Heroen. Wir strampeln uns hier eher beiläufig durchs Leben. Oder gehen zu Fuß.

Dann setz dich mal hin und erzähl, welcher Schicksalsschlag dich diesmal nach Frankfurt getrieben hat. Die Buchmesse? Dein Arbeitgeber, der ein neues Türmchen in die Skyline gepflanzt hat und jetzt Angestellte braucht, um die Lichter hinter den vielen Fenstern an- und auszuknipsen? Ein Sonderangebot für irgendein abgefahrenes Urlaubsziel, das nur bei Abflug vom Rhein-Main-Flughafen gilt? Sprich dich aus, sag mir, wie sehr du diese Stadt verachtest, die Banker, die Ruppigkeit, das Provinzielle. Das meiste kenn ich, glaube ich, schon, aber sprich ruhig weiter. Ich geh so lang mal Frühstück holen.

Unten auf der Eckenheimer Landstraße lassen junge Männer vor der »Eis Christina« Tische und Stühle von den Ketten. Am Morgen herrscht Ruhe vor dem Sturm. Später braucht man kein Stadtmagazin, um mitzukriegen, dass hier die besten Waffelhörnchen der Stadt über den Tresen gehen. Es reicht, dem Keifen der oberirdisch fahrenden U5 zu folgen, die im Sommer regelmäßig gegen die wild parkenden Autos der Speiseeis-Addicts anbimmelt. Schräg gegenüber fällt die Sonne auf fratzige Stoffgesichter, collagierte Ringe und Ansteck-Revolver im Schaufenster der tatsächlich winzigen Galeria Pequena, die mit jeder Vernissage die Farbe ihrer Wände wechselt. Ansonsten macht der Ausstellungsraum wenig Aufheben um seine wunderbare Existenz. In anderen Städten jagen sie dem Hipness-Lärm jeden Monat in einem neuen Viertel hinterher. Wir mögen keinen Krach.

Schon klar, dieses uneitle Vernuscheln der eigenen Vorzüge wird oft als Langweilertum missverstanden – vor allem von denjenigen, die sich selbst erst mit Erreichen der Volljährigkeit in eine andere, größere Großstadt als Frankfurt gerettet haben und vergessen machen wollen, dass es in den Käffern ihrer Kindheit H-Milch, Sarg und Sofalandschaft beim selben Einzelhändler zu kaufen gab.

Wer in Frankfurt aufwächst, fühlt für diese Stadt wie für eine schlampige Tante, die manchmal nervt und die man trotzdem gegen jede Anfeindung verteidigt. Dass sie nicht besonders schön ist, wissen wir selbst. Aber wir wissen auch innere Werte zu schätzen, und die erschließen sich selten auf den ersten Blick.

Die meisten Reisenden kennen diese Tante nur von kurzen Begegnungen in unvorteilhaften Situationen, wenn sie schaffen und funktionieren muss. Man sollte die Flughafenterminals am Waldrand als Lockenwickler dieser Stadt begreifen, die Hochhaustürme als ihren Putzkittel aus Spiegelglas, die Kopfgleise am Hauptbahnhof als Schlappen, in die man schlüpft, weil sie praktisch sind, nichts weiter. Aber wer glaubt, das sei alles gewesen, hat nichts begriffen. Die Pailletten ihres Glitzerfummels liegen über das ganze Stadtgebiet verstreut. Man muss sie nur aufzufädeln wissen.

Zugegeben: Die wenigsten der einschlägigen Sehenswürdigkeiten sind wirklich sehenswert. Die Paulskirche? Eine Rekonstruktion. Römer und Eiserner Steg? Dito. Deshalb rührt uns der Anblick von Touristen, es sind ja nie viele, und wir würden jeden von ihnen zu einem Apfelwein einladen, müssten wir nicht befürchten, sie dann erst recht nie wiederzusehen. Bestenfalls lohnt es, wenn man schon mal auf dem Römerberg steht, im Historischen Museum für einen Euro Eintritt die beiden Modelle zu betrachten. Sie zeigen Frankfurts Altstadt vor und nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Hier buntes Fachwerk, Spitzgiebel und enge Gassenlabyrinthe, dort Ruinenskelette in endloser schuttschwarzer Ödnis. Das erklärt mehr als jeder Rundgang und macht deutlich: Das Herz der Stadt schlägt heute anderswo.

Herrje, die Brötchen.

Im Nordend ist das Wissen um die Qualität der Kuchen, Törtchen und Croissants im Café Kante so weit verbreitet, dass die Schlange an Wochenenden oft fast bis zum Merianplatz reicht. Anzugträger nehmen an kleinen Marmortischen ihr Frühstück zu sich, ehe sie im Gehen die Krawatte festzurren und denen zunicken, die ihre Stühle übernehmen – Taxifahrern und Dozenten, Müttern, ruhelosen Kindern und Studenten, Zeitungslesern, die im untertassenlöffeltiefen Klangteppich versinken, dem bürolosen Medienprekariat. Wo früher Kurt seinen festen Platz hatte, der weder Wohnung noch Geld besaß und trotzdem immer ein warmes Getränk serviert bekam, hängt seit seinem Tod eine Skizze seines runzelfreundlichen Gesichts.

An Orten wie diesem tut Frankfurt, was es am besten kann: bunt leben und leben lassen, zusammensitzen und labern, ohne dem andern auf den Sack zu gehen. Die Stadt ist klein genug, um auf dem Weg von der U-Bahn-Haltestelle nach Hause drei Bekannte zu treffen, und sie ist groß genug, um blöde Nachbarn auf demselben Stockwerk jahrelang zu ignorieren. Sie hat den höchsten Ausländeranteil der Republik und das geringste Problem damit. Die Enge verhindert, dass Szenen, Schichten und Kulturen Parallelwelten bilden. Der Weg vom Bahnhof ins Bankenviertel führt unweigerlich vorbei an Sexshops, Fixern und Fischhändlern. Wer von der Hauptwache zum alten Uni-Campus in Bockenheim laufen will, muss die Bonzenbarrikaden entlang der Fressgass überwinden, Designshops, Fleischboutiquen, Kosmetiktempel und Lattemacchiatoshakeratoschlagmichtotcafés. In Frankfurt ist es wie auf einem Familienfest, bei dem man die Tischordnung nicht bestimmen kann. Und trotzdem sitzen bleibt.

Unten am Fluss, am Schaumainkai, liegt seit ein paar Monaten Merals Imbiss vor Anker, Europas erstes Döner-Schiff, über das die Mitarbeiter vom Ordnungsamt erst lachten, ehe sie seinen Betrieb genehmigten. Weiter unten im Main Café reicht das braune, aber saubere Wasser fast bis an die Schuhsohlen, wenn man den Kaffee mit an die Ufermauer nimmt und die Beine baumeln lässt, die Hochhäuser als Sonnenschutz nutzend. Der mobile Gastronomiewagen öffnet in einem schwer durchschaubaren Rhythmus. Im Zweifelsfall isst man, was die Taschen hergeben, Brötchen zum Beispiel, und gesessen wird, wo auf dem Rasen gerade Platz ist.

Frankfurt ist nicht nur liebenswerter, sondern auch grüner als sein Ruf. Um die Stadt herum breiten sich 8000 Hektar Landschaftsschutzgebiet aus, der sogenannte Grüngürtel, was etwa einem Drittel des gesamten Stadtgebiets entspricht. Weil wir ungern angeben, verschweigen wir, dass es sich eigentlich um einen Themenpark zu Ehren unserer Helden, der Autoren und Zeichner der Neuen Frankfurter Schule, handelt. Wer genau hinsieht, merkt es ohnehin: Auf halbem Weg zwischen Frankfurt und Offenbach, zwischen Grüngürtel-Wanderroute und Grüngürtel-Radweg, hat Hans Traxler uns allen ein Denkmal gesetzt, einen leeren Sockel mit der Aufschrift »Ich«. Am alten Flugplatz Bonames haust das Grüngürteltier als Bronzeskulptur, dessen Sichtung und genealogische Verortung zwischen »Wutz, Molch und Star« wir dem verstorbenen Dichter Robert Gernhardt verdanken. Wie so vieles übrigens, und einiges davon zeigt seit wenigen Tagen das Museum für Komische Kunst.

Natürlich ist es kein Zufall, dass unlängst der 1. Kongress für Promenadologie in Frankfurt stattfand, dass die teilnehmenden Flanierwissenschaftler ausgerechnet hier einen ausgedehnten urbanen Ausflug planten. »Wir werden zwei bis drei Stunden zu Fuß unterwegs sein und dabei nicht ein Mal eine Straße überqueren müssen«, ließ der Referent und Spaziergangsforscher Bertram Weisshaar im Vorfeld der Veranstaltung wissen. Ob das in einer Stadt mit knapp 700000 Einwohnern etwas Besonderes ist? Sags ihnen, Bertram: »Das ist schon was Besonderes.«

Und dabei haben wir bisher noch nicht von den Kinderläden gesprochen, die in Frankfurt gewissermaßen erfunden worden sind und bis heute das Nachrücken angepasster Spießer bremsen. Vom Institut für Sozialforschung, von der anderen, der ersten Frankfurter Schule und Adornos Schreibtisch unter Glas in Bockenheim. Von den Kunstschauen in der Schirn, von Franz Marcs Hund im Städel Museum, Beuys Fett im Museum für Moderne Kunst, vom versteinerten Dinosaurierkot im Senckenberg-Museum.

Dieser Hymne auf Frankfurt ließe sich wahrscheinlich etliches entgegnen. Dass schon Goethe die Stadt, in der er geboren wurde, hasste. Wir sagen: Wär er halt gleich nach drüben gegangen, wir hätten sowieso lieber Schiller gehabt. Dass die Bars in echten Großstädten viel länger offen haben als hier. Wir sagen: Die Länge ist nicht entscheidend. Dass mehr Menschen das Münchner Oktoberfest besuchen als alle Frankfurter Straßenfeste zusammen. Wir sagen: Eben. Dass aber Kreuzberg und Schanzenviertel und Schwabing und Nippes… Wir sagen: Ach, gehfott.

Die Brötchentüte ist längst leer, die Sonne weg. Am Abend versammeln sich die Sorgenvollen und die Scheiternden, die Frohnaturen und die Selbstbetrüger, Arbeitstiere und Hartz-IV-Empfänger, Volle und Hohle, Dichter, Denker und Dummschwätzer an den wahren Tränken der Demokratie. Im Rest der Republik nennt man sie Trinkhallen, bei uns heißen sie Wasserhäuschen. Hier kann man Kinder, die vorm Schlafengehen ihr Taschengeld fünf-Cent-weise an Süßigkeitencontainer verschwenden, an den Haaren ziehen, Lebensgeschichten bröckchenweise aus rauschtrüben Erzählungen klauben, schnell Zigaretten kaufen und die Flucht ergreifen oder ausdauernd über die Qualität von Rotwein in Schraubverschlussflaschen diskutieren. Hier kommt zusammen, was zusammen lebt, zusammen wächst, zusammengehört, zusammen nicht nach Berlin gegangen ist. Einer geht noch, dann muss ich wirklich los.

Hat ein bisschen länger gedauert, ’schuldigung. Ja, Mensch, tut mir echt leid, dass du jetzt hier in Frankfurt sein musst. Vielleicht wirds trotzdem nett auf der Buchmessenparty. Möchtest du einen Apfelwein? Dir ist noch vom ersten schlecht? Mann, ihr vertragt aber auch echt nichts.

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