lieber stephan, 

ich hatte mit hoch-die-tassen-euphorie gerechnet, aber das gefühl, das sich einstellte, nachdem wir die griechische grenze passiert hatten, war viel kleiner und leiser und ging doch wesentlich tiefer – demütige erleichterung, die richtung. nicht weil ein ende der 2370-kilometer-reise in sicht war, sondern weil griechenland so da war, wie ich es in erinnerung hatte, unversehrt das gelb, das grau, das blau, das silbergrün, das mir so vertraut ist aus den vielen sommern der vergangenen jahre. und erst da wurde mir bewusst, wie grundsätzlich dieses beknackte virus während der vergangenen monate so gut wie alle gewissheiten in meinem leben erschüttert hat. wie wirkmächtig die ohnmacht ist, die es verbreitet. 

den allermeisten von uns sitzt corona wie ein tinitus im ohr, eine latente bedrohung des grundsätzlichsten. wir unterlassen selbstverständliches, alltägliche nähe, zusammenkünfte im mittelgroßen kreis, umarmungen. so gut wie nichts ist, wie es war, und offenbar hat mich das so sehr erschüttert, dass ich darauf vorbereitet war, in diesem sommer nach griechenland zu reisen ohne anzukommen. 

für heute nacht: entwarnung. alles da. und ich bin unendlich dankbar dafür, ein paar wochen hier verbringen zu dürfen. selten war mir so bewusst, was für ein privileg das ist und wie wenig selbstverständlich. zikaden singen, früher hätte ich nerven hart gesagt. ich war schwimmen im meer. es hat mich umarmt. 

besitos

* karin

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